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Michel Houellebecq

„In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben: andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.“houellebecq-2

Ich mag es, wenn Literatur der Welt ins Gesicht spuckt.
Ich mag es, wenn sie eine Schonungslosigkeit an den Tag legt, die die Geister spaltet, die Hass und Sympathie auslöst.

Michel Houellebecq wollte eigentlich Dichter werden, aber der Durchbruch gelang ihm als Romanautor. Dass sein Roman Ausweitung der Kampfzone ihn mit einem Schlag auf die Weltbühne katapultierte, war nicht geplant, doch sicher gewollt. Nach diesem Roman war Houellebecq‘s Namen in aller Munde. Paar Bücher später konnte man ihn nicht mehr aus der internationalen Literatur wegdenken. Gern wird gesagt, er sei ein Provokateur. In einem Briefwechsel mit Bernard- Henri Lévy fasst Houellebecq ihre öffentlichen Bilder folgendermaßen zusammen:

„Es handelt sich bei uns beiden um ziemlich verachtenswerte Individuen.“

Doch warum eigentlich? Seine These zu Sex könnte uns einen Hinweis geben. Houellebecq behauptet, Sex sei durch und durch kapitalistisch. Vielleicht ein kleiner Vorgeschmack aus Ausweitung der Kampfzone:

„In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an: andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben: andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.“

Bei solchen Thesen läuft Houellebecq zur Höchstform auf. Selbst die Liebe als Gegenkraft zu Sex ist von den Gesetzen des Marktes nicht unberührt. Investieren wir denn nicht alle in Beziehungen? Kalkulieren wir nicht, ob sich unsere Einlagen ausgezahlt haben?

Es ist oft schwer auszumachen, ob Houellebecq’s Feststellungen als Kritik oder als einfache Tatsachenbeobachtungen gemeint sind. In dem Essayband Interventionen vergleicht er zum Beispiel die Werbung mit einem Über-Ich, das sich an die Haut des Individuums heftet und in dessen Ohr die Worte flüstert:

„Du musst begehren. Du musst begehrenswert sein. Du musst am Wettkampf teilhaben, am Kampf, am Leben der Welt. Wenn du aufhörst, existierst du nicht mehr. Wenn du zurückbleibst, bist du tot.“

Heißt das nun, wir sollen gegen die Werbung ankämpfen, oder nur ihre Forderung zur Kenntnis nehmen? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Eins fällt jedenfalls schnell auf, wenn man seine Romane liest: Die Figuren kämpfen gegen nichts an, begehren nie auf, eher lassen sie sich treiben. Sie sind reflektierende Konsumenten, die auf thailändischen Inseln Prostituierte ficken, ein paar halbherzige Beleidigungen über Muslime von sich geben, die ihnen eigentlich genauso egal sind wie alles andere um sie herum. Der Umstand, dass sie ihre Welt teilweise durchschauen, ändert nichts an ihrer Haltung, nein, fast hat man das Gefühl, es steigert ihre Langeweile, ihre Verachtung für die Welt. Wie gesagt, die Figuren sind Konsumenten: Sie sind wie wir.

Eine weitere Eigenschaft seiner Figuren ist der kalte Zynismus.

Der Beginn von Plattform zum Beispiel fängt mit dem Tod des Vaters an:

„Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben. Ich glaube nicht an die Theorie, wonach man beim Tod seiner Eltern richtig erwachsen wird: man wird nie richtig erwachsen.“ Warten Sie, es geht noch weiter:

„Vor dem Sarg des alten Mannes gingen mir unangenehme Gedanken durch den Kopf. Er hatte vom Dasein profitiert, dieser alte Sack: er hatte sich verdammt gut durchs Leben geschlagen. »Du hast Kinder gehabt, du Sau …« »Du hast deinen dicken Pimmel in die Möse meiner Mutter geschoben« Na ja, ich war ein bisschen angespannt, das stimmt schon; man hat eben nicht jeden Tag einen Todesfall in der Familie.“

Michel, der Protagonist in Plattform, ist wie viele von Houellebecq`s Figuren emotional stumm. Wenn seine Freundin, Aicha, sich über den Islam auslässt, weiß er gar nicht, was er davon halten soll. In Gedanken fügt Michel hinzu: „Vom Kopf her gelang es mir, eine gewisse Anziehung für die Scheide muslimischer Frauen zu empfinden.“ Falls sich jemand beleidigt fühlt, bitte die Hand heben.

Den Ruf als Islamophob hat er sich vor allem aus diesem Roman geholt. Dabei spielt der Islam nicht mal eine Nebenrolle darin. Es geht vielmehr um Tourismus, genauer: um Sextourismus. Houellebecq greift in Plattform den Gedanken aus Ausweitung der Kampfzone wieder auf. Sex und Tourismus verbinden sich in ihrer körperlichen Seite, sie stehen beide beispielhaft für den freien Markt. Man macht touristische Reisen, nicht um das Land zu entdecken, sondern die Bilder, die man in Reisebroschüren gesehen hat, bestätigt zu bekommen, die Versprechen, die einem gemacht wurden, erfüllt zu bekommen. Man reist nicht, man kommt an, man konsumiert. Wenn ich Houellebecq‘s Figuren bei diesem Fest des Konsums begleite, mich manchmal ekle, manchmal wiederentdecke, kommt es mir so vor, als ob diese Figuren in ihrer ganzen Plumpheit mehr über den heutigen Menschen verraten, als man es sich eingestehen möchte. Die Romane haben eine desillusionierende Wirkung, denn sie erzählen von uns.

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Massoud Doktoran

Massoud Doktoran

Massoud Doktoran ist Schriftsteller. Er machte seinen Master in Philosophie und Literaturwissenschaft. Während seines Studium arbeitete er an seinem ersten Roman Brenn Schule! Brenn!, der wahrscheinlich Ende 2016 rauskommen soll. Instagram