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Albert Camus: „Noch rollt der Stein“

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

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Ich kenne keinen philosophischen Text wie Albert Camus Der Mythos des Sisyphos. Der erste Satz hat’s in sich:

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.

Mit diesen berühmten Worten beginnt Camus seine Analyse des Absurden. In einfachen, klaren Schritten begibt er sich ins Zentrum der Existenz. Zwischen Leben und Tod wartet das Absurde. Bevor das Gerede über Gott und die Welt losgetreten werden kann, muss die einfache Frage geklärt werden: Wollen wir dieses Leben leben oder nicht? Ist Selbstmord legitim?

So gefällt mir Philosophie am besten.

„Eine solche Tat bereitet sich in der Stille des Herzens vor, geradeso wie ein bedeutendes Werk. Der Mensch selbst weiß nichts davon. Eines Abends drückt er ab oder geht ins Wasser.“ Etwas hat sich festgesetzt und zwingt zu einer Entscheidung. Der Mythos des Sisyphos ist keine Psychologiestunde. Es geht nicht um Depression und Bordline-Störungen. Das Gefühl des Absurden setzt ein, wenn die Klarheit aufblitzt und alles verändert:

Ein Mensch spricht hinter einer Glaswand ins Telefon; man hört ihn nicht, man sieht nur sein sinnloses Mienenspiel: Man fragt sich, warum er lebt.“, oder: „Auch der Fremde, der uns in gewissen Augenblicken in einem Spiegel begegnet, der vertraute und doch beunruhigende Bruder, den wir auf unseren eigenen Fotografien wiederfinden, ist das Absurde.

Dieses plötzliche Gefühl, in einem Universum zu leben, das seiner Illusion beraubt wurde, das Leben habe einen vorgegebenen Sinn, setzt das Absurde in Gang. „Mit dem Bewusstsein fängt alles an, und nur durch das Bewusstsein hat etwas Wert.“ Will man wirklich dieses absurde Leben?

Das ist Camus Ausgangssituation.

Im Mythos des Sisyphos haben wir es mit einer Ansammlung von Essays zutun, die das Problem des Absurden unterschiedlich angehen und je nach der Lektüre-Kenntnis des Lesers viel oder wenig Vorwissen abverlangen. Ich entdeckte Camus zum ersten Mal mit zwanzig und verstand nicht viel. Gleichzeitig fühlte ich mich nicht ausgeschlossen wie bei vielen anderen philosophischen Werken. Es war, als zeige Camus mir eine einfache Wahrheit, für die ich lange brauchen würde. Denn schließlich ging es nicht um etwas Abstraktes, sondern um mein Leben. Das Absurde, so Camus, lauert hinter jeder Straßenecke. Sie belauerte nun mich.

Wenn das Leben keinen Sinn hat, wenn das Leben absurd ist, es keinen Gott gibt, kein Leben danach, auf das man hoffen kann, heißt es dann, das Leben habe keinen Wert mehr? Diese Frage versucht Camus mit einem deutlichen Nein! zu beantworten. Doch so einfach ist es nicht. Eine ganze philosophische Tradition stemmt sich gegen Camus und so muss er erst den Beweis erbringen:

Hier ist nur rigoroses, das heißt logisches, Denken am Platz. Das ist nicht leicht. Logisch zu sein, ist immer bequem. Nahezu unmöglich ist es aber, logisch bis ans Ende zu sein.

Er spricht gegen Heidegger, Jaspers, Kierkegaard. Die Großen. Jene, die das Absurde erkannten und es kaum erwarten konnten, es im Keim zu erstickten. Sie machten den Sprung ins Transzendenten, suchten im Nichts Gott. Auch der Selbstmörder macht auf seine Art einen Sprung und vernichtet das Absurde gleich mit seinem Leben: „Menschen, die von eigener Hand sterben, folgen damit bis zum Ende der Bahn ihrem Gefühl.“ So fragt sich Camus, gibt es eine Logik bis zum Tod? Wie gesagt, wir sind bei Camus mitten im Leben.

Ich hätte auch Camus Romane wählen können: Der Fremde, Die Pest, Der Fall. Alles hervorragende Romane, die es genauso verdienen, hier besprochen zu werden. Doch dieses Essayband hatte einen ganz besonderen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich griff in den Jahren viel öfters nach ihm als nach den anderen Werken Camus. Schwer zu sagen warum. Eine der provokantesten Thesen des Buches ist die Aufforderung, sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen. Derselbe Sisyphos, der von den Göttern verdammt ist, einen Felsenklotz den Berg hoch zu wälzen, um am Ende auf der Bergspitze zuzuschauen, wie der Klotz den Hang runterrollt und alles wieder von vorne beginnt. Bis in die Ewigkeit! Glücklich? Ist das nicht eine Zumutung oder gar  Zynismus?

Keines vom Beiden.

Letztens sagte eine religiöse Freundin von mir, dieses Leben sei nicht alles. Damit äußerte sie eine Hoffnung auf ein Leben danach. Und ich sah, wie Camus grinste. Diese Freundin wollte das Absurde nicht annehmen und so zerstörte sie es durch ihre Hoffnung.

Camus sieht keinen Grund dazu. Er will mit dem Absurden leben. Stellen Sie sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vor, sagt er. Doch wie, verdammt? Das ist die hartnäckige Frage. Für Camus beginnt alles mit der Anerkennung des Absurden. Keine Hoffnung, keine billigen Tricks ins Transzendenten.

Kommen wir auf Sisyphos zu sprechen.

Hier steht er nun. Der Stein rollt wieder runter und wir sehen Sisyphos absurdes Schicksal, das ständige Wälzen des Steins. Sisyphos der Kluge, der den Gott Pluto austrickste, um in die Welt der Lebenden zurückzukehren: „Als er aber diese Welt noch einmal geschaut, das Wasser und die Sonne, die warmen Steine und das Meer wieder geschmeckt hatte, wollte er nicht mehr ins Schattenreich zurück. Er lebte noch viele Jahre an der Bucht des Golfs, am leuchtenden Meer.“ Camus sagt, Sisyphos sei ein absurder Held, weil er sich seines Schicksals bewusst ist. Sisyphos entscheidet sich für das Leben, obschon er weiß, dass der Tod kommen wird. „Das ist der Preis für die Leidenschaft dieser Welt.“ An dieser Stelle fängt Camus an, den Mythos weiterzudenken, und stellt sich Sisyphos vor, wir er den Weg zurück zu seinem Stein geht:

Auf diesem Rückweg, während dieser Pause interessiert mich Sisyphos. Ein Gesicht, das sich so nahe dem Stein abmüht, ist selbst bereits ein Stein! Ich sehe, wie dieser Mann schwerfälligen, aber gleichmäßigen Schrittes zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt  wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewusstseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verlässt und allmählich in die Schlupfwinkel der Götter verschwindet, ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels.

Das Bewusstsein seines Schicksals, ist das Bewusstsein des Absurden. Hier bemüht Camus einen Vergleich mit der berühmten Tragödie von Sophokles König Ödipus. Nachdem Ödipus alle Prüfungen besteht und sich so in sein eigenes Verderben manövriert, sagt er am Ende: „Die Größe meiner Seele sagt mir, dass alles gut ist“ Ödipus Klarsicht vor seinem schrecklichen Schicksal beeindruckt Camus. Es ist ein gewaltiger Satz:

Es lehrt, dass noch nicht alles erschöpft ist, dass noch nicht alles ausgeschöpft ist. Es vertreibt aus dieser Welt einen Gott, der in sie eingedrungen war mit der Unzufriedenheit und mit dem Gefallen an sinnlosen Schmerzen. Es macht aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muss.

Camus macht einen Absatz, lässt die Worte wirken:

Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.

Glück ist nicht außerhalb des Absurden zu suchen, sondern in ihr. Das war es, was so schwer zu verstehen war. Meine religiöse Freundin wollte den Sprung ins Jenseitige, das Leben abwerten für ein Leben danach. Für sie kam das Glück erst später. Dass das Leben absurd, fad und so wenig Göttliches haben soll, konnte sie nicht akzeptieren. Doch für den absurden Menschen ist dieses Leben nicht wenig lebenswert: „Glück und Absurdität sind Kinder ein und derselben Erde. Sie sind untrennbar.“ Camus will die Nacht und den Tag gleichermaßen, weder das Licht noch den Schatten missen. Hier fängt das Leben an, hier hört es auf.

Auf ein Leben danach verzichtet er gern.

Mir gefällt diese Interpretation. Für Camus lebt Sisyphos, weil er dem Absurden trotzt, ohne es aufzuheben. Sisyphos findet wie Ödipus, dass alles gut ist, dass es der Mühe wert ist:

Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralisches Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen

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Massoud Doktoran

Massoud Doktoran

Massoud Doktoran ist Schriftsteller. Er machte seinen Master in Philosophie und Literaturwissenschaft. Während seines Studium arbeitete er an seinem ersten Roman Brenn Schule! Brenn!, der wahrscheinlich Ende 2016 rauskommen soll. Instagram