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Chuck Palahniuk Fight Club

„Du bist nicht dein Name. Du bist nicht deine Probleme. Du bist nicht dein Alter. Du wirst nicht gerettet“

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Okay, das hier wird jetzt schwierig.
Das erste Problem ist, dass jeder den Film kennt und ihn wahrscheinlich in seine  Liste der zehn besten Filme gepackt hat.

Nein, ich spreche nicht von Der Pate, sondern von Fight Club.

Wenn die Verfilmung eines Buches so gut ankommt, vergisst man oft, dass es je ein Buch gegeben hat. Das ist nicht weiter schlimm, denn der Film war wirklich gut. Warum sollte man das Buch also lesen?

Mit Fight Club gelang Chuck Palahniuk der internationale Durchbruch. Der Film brannte sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation ein und ließ den Autor zum Star werden. In Amerika mehr als in Deutschland. Doch für Hardcore Palahniuk Fans ist das Buch weit mehr als der Film ein Muss, denn es zeigt den frühen Palahniuk – Stil, den er in seinen Folgebüchern noch verfeinern wird.

In gewisser Weise ist Fight Club wirklich wie ein Film geschrieben. Es sind szenische Sprünge, die auf ihren Kern minimiert sind. Das heißt, es gibt keine endlosen Beschreibungen von Orten und Personen. Man beschränkt sich auf eine Szene. Chuck Palahniuk gehört zu den sogenannten Minimalisten der besonderen Sorte. Es ist nicht Hemingway‘s Minimalismus, es geht nicht nur um kurze Sätze. Man begleitet den Protagonisten nicht von A bis Z, sondern wird von einer Szene in die andere geworfen. Stellt euch einen Film Cut vor. Oft enthalten seine Sätze interessante Gedanken, die genau ins Schwarze treffen. Sie wirken wie ein Refrain, der sich nach jedem Absatz wiederholt, bis man den Rhythmus spürt. Eigentlich ist es ein Song. Am meisten gefällt mir aber sein ironischer Blick, den er nie aufgibt. Eine wichtige Eigenschaft guter Literatur. Wenn man Palahniuk liest, hat man ständig ein Grinsen im Gesicht,.

Eine Sache können Filme ziemlich gut: Bewegungen darstellen. Wenn man eine Story hat, in der es darum geht, dass sich Männer in irgendwelchen verlassenen Kellern die Scheiße aus dem Leib prügeln, dann ist man beim Film genau richtig.

Bücher sind aber in einer anderen Sache gut: Sie können besser Gedanken beschreiben. Da sie nicht an einem Zeitlimit gebunden sind, können sie auch Dialoge länger laufen lassen. Könnt Ihr euch noch an die Szene erinnern, als Tyler mit Lauge die Hand von Edward Norton ätzt?

„»Du darfst weinen«, sagt Tyler,»Du darfst zur Spüle gehen und Wasser über deine Hand laufen lassen, aber zuerst musst du wissen, dass du dumm bist und sterben wirst. Sieh mich an. […] »Eines Tages«, sagt Tyler, »wirst du sterben, solange du das nicht weißt, bist du nutzlos für mich.«

Du bist in Irland.

»Du darfst weinen«, sagt Tyler, »aber jeder Träne, die in den Laugenflocken auf deiner Haut landet, wird eine Brandnarbe wie von einer Zigarette einbrennen […] Wir können Essig nehmen, um den Brand zu neutralisieren« sagt Tyler »aber erst musst du aufgeben. Erst musst du ganz unten ankommen.«“

Allein für die Figur Tyler Durden muss man dieses Buch lesen. Er ist ein Rebell und ein Anarchist. Solche Figuren stellen unsere Gesellschaft permanent in Frage. Hier ein Paar Tyler Durden’sche Dogmen

„»Was Sie verstehen müssen, ist, dass ihr Vater ihr Modell für Gott war.«, »Wenn du weiß bist und christlich und in Amerika lebst, ist dein Vater dein Model für Gott. Und wenn du deinen Vater nie gekannt hast, wenn sich dein Vater aus dem Staub macht oder stirbt oder nie zu Hause ist, was glaubst du dann über Gott?«, »Was man berücksichtigen muss« sagt Tyler »ist die Möglichkeit, dass Gott dich nicht mag. Das ist nicht das Schlechteste, was passieren kann.«

Nach Tylers Ansicht ist es besser, Gottes Aufmerksamkeit zu erhalten, als überhaupt keine Aufmerksamkeit zu erhalten. Vielleicht ist Gottes Hass besser als seine Gleichgültigkeit. Wenn du Gottes schlimmster Feind oder ein Nichts sein könntest, wofür würdest du dich entscheiden? Was ist schlimmer, die Hölle oder das Nichts?“

Noch nicht genug? Okay dann weiter:

„»Nur wenn wir erwischt und bestraft werden, können wir gerettet werden: Zünde den Louvre an«, sagt der Mechaniker »und wisch dir den Arsch mit der Mona Lisa ab. Auf diese Weise kennt Gott zumindest unseren Namen.«

Es reicht nicht, bei den Sandkörnern am Strand und den Sternen am Himmel mitgezählt zu werden.“ Und die Leute bei Fight Club rufen:

»Wir wollen dich, nicht dein Geld. Solange du im Fight Club bist, weißt du nicht, wie viel Geld du auf der Bank hast. Du bist nicht dein Job. Du bist nicht deine Familie, und du bist nicht der, als den du dich bezeichnest.«“  Die Leute von Fight Club rufen: „»Du bist nicht dein Name. Du bist nicht deine Probleme. Du bist nicht dein Alter. Du wirst nicht gerettet.«“ Und dann der Satz:

„Im Angesicht des Todes schrumpfst du zu einem Nichts.“

In Fight Club geht es nicht um Schlägereien. Die Kampfszenen nehmen einen großen Teil im Film ein. Man denke nur an das viel spritzende Blut und die harten Einzelkämpfe. Das ist gut und auch schade, denn der Kampf ist natürlich mehr als nur der Ausdruck seiner Brutalität. Es ist ein Aufbegehren. Es geht um eine Generation von Menschen, die keine Weltkriege erlebt haben, keine besonderen Hungersnöte oder Krisen durchgemacht haben, eine Generation, die von IKEA-Möbel umgeben ist, die größtenteils von liebenden Müttern großgezogen wurde, die von ihrer Gesellschaft nicht unterdrückt aber auch nicht sonderlich beachtet wurde. Es geht um eine Generation, die für jeden Scheiß zur Therapie rennt, die auf Pillen schwört, um ihr inneres Chaos zu bändigen. Eine Generation von Männern, die permanent an Selbstoptimierung denkt, die im besten Fall wie Gucci – Unterwäschen- Models ausehen soll. Es sind wütende, nach liebe suchende, verlorene Seelen. Sie kämpfen, um sich lebendig zu fühlen. Sie leben in einer Welt, die durch und durch strukturiert ist. Erst kommt der Kindergarten, dann die Schule, die Uni, die Arbeit. Das Leben ist nach klaren Mustern geplant. Flankiert von Bildern perfekter Menschen, die uns ein perfektes Leben prophezeien, über uns die allgegenwärtige Illusion: Sie können alles werden, was sie werden wollen, erreichen, was immer sie erreichen wollen. Das Mantra unserer Zeit.

Kurz: In Fight Club geht es um eine Rebellion. „Ich will einfach nicht sterben, ohne ein paar Narben zu haben, sage ich. Einen schönen 08/15-Körper zu haben, das ist nichts mehr wert.“ Und der Protagonist lässt seine Gedanken weiter streifen:

„Eines Tages würde ich tot sein, ohne eine Narbe, und eine wirklich hübsche Eigentumswohnung und ein Auto würden übrig bleiben. Wirklich sehr hübsch, bis sich der Staub festsetzt oder der nächste Eigentümer. Nichts ist statisch. Sogar die Mona Lisa zerfällt. […] Die Fitnesscenter, in die du gehst, sind voller Typen, die wie Männer auszusehen versuchen, als würde ein Mann zu sein, bedeuten, dass man so aussieht, wie es ein Bildhauer oder ein Kunstdirektor vorschreibt.

Vielleicht ist Selbstverfeinerung nicht die Antwort.

Vielleicht ist Selbstzerstörung die Antwort.“

Wie gesagt, das hier wird schwierig.

Der Film ist wirklich gut, das Buch ist aber besser. Wie immer.

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Massoud Doktoran

Massoud Doktoran

Massoud Doktoran ist Schriftsteller. Er machte seinen Master in Philosophie und Literaturwissenschaft. Während seines Studium arbeitete er an seinem ersten Roman Brenn Schule! Brenn!, der wahrscheinlich Ende 2016 rauskommen soll. Instagram