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Das kreative Gehirn

„Jedes Kind ist Künstler. Das Problem liegt darin, wie man Künstler bleibt, wenn man heranwächst.“

gehirn

Was ich am neurowissenschaftlichen Boom unserer Zeit am meisten mag, ist, dass er mit alten Mythen aufräumt. Eines dieser Mythen betrifft die Kreativität. Was ist Kreativität?

Zunächst einmal glauben die meisten Menschen, irgendwie zu wissen, was sie meinen, wenn sie über Kreativität reden.Oft denken sie dabei in bestimmten Kategorien wie: Kunst, Musik, Schriftstellerei, Schauspielkunst. Sie sagen dann, der oder die sei ein Kreativling. Gefragt, warum, wird häufig behauptet, das liege halt irgendwie in ihrem Blut, mit so etwas werde man geboren. Man hat dann das Gefühl, die Leute meinen damit eine Art göttliche Gnade, die die talentierte Person auf mysteriöse Weise wie bei der Unbefleckten Empfängnis erhalten hat. Andere wiederum bemühen sich, um eine biologischere Ausdrückweise und verwenden das Wort Gen. Man hat das Kreativgen oder eben nicht. So viel zum Mythos.

Jonah Lehrer ist ein junger Neurowissenschaftler, der seine Ausbildung bei dem Nobelpreisträger Eric Kandel gemacht hat. In seinem Buch Das kreative Gehirn geht er den Spuren der Kreativität nach und versucht, althergebrachteVorstellungen durch die neuesten Untersuchungen mit interessanten Anekdoten zu widerlegen. Kreativität scheint eine Vielfalt unterschiedlicher Denkprozessen abzudecken, über die man bis dato nur wenig nachgedacht hatte. Ob es nun Unternehmen sind, die neue Wischtücher für den Haushalt erfinden, Surfer, die neue Moves entdecken, Animationszeichner, die bei Pixar Findet Nemo produzieren, oder Dichter, die solange an einem Gedicht feilen, bis es endlich gelingt, sie alle werden von Lehrer unter die Lupe genommen. Und siehe da: Mit Blut und Genen hat das wenig zu tun.

„Die meiste Zeit in der Geschichte der Menschheit galt die Überzeugung, dass Fantasie und Vorstellungskraft per se eine undurchsichtige angeborene Gabe seien, die sich nicht erforschen lasse. Deshalb klammern wir uns
noch heute an falsche Mythen darüber, was Kreativität ausmache und welchen Ursprung sie habe. Diese Mythen führen uns nicht nur in die Irre, sondern behindern auch unsere Vorstellungskraft.“

Die erste Geschichte fängt mit Bob Dylan an, als er 1965 einen Karriere-Down durchmachte und mit allem fertig war. Als Songwriter fühlte er sich am Ende, zu mittelmäßig, war sein vernichtendes Urteil über die eigenen Werke.
Er hatte die Nase voll von der Musik.
„Jede kreative Reise beginnt mit einem Problem. Es beginnt mit einem Gefühl der Frustration, mit dem dumpfen Unbehagen, dass man auf keine Lösung kommt. Wir haben hart gearbeitet, sind aber an einer Grenze gestoßen. Wir haben keine Ahnung, wie es weitergeht.“Wenn wir ein Buch lesen, ein Lied hören, oder ein tolles Spiel von Messi oder Lebron James sehen, dann sehen wir nie die Phase der Frustration, das Nicht-mehr-weiter-Wissen. Wir erzählen lieber vom Gelingen als vom Hadern, vom endgültigen Resultat als vom Prozess. Dabei ist eben der Prozess wesentlich für die Kreativität, denn dann fliegt uns nach langem Arbeiten, plötzlich der Einfall zu.
„Bevor wir Antworten finden oder zunächst die richtigen Fragen stellen können, müssen wir zutiefst entmutigt und überzeugt sein, dass eine Lösung außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Wir haben mit dem Problem
gerungen und verloren. Folglich geben wir auf und ziehen nach Woodstock (Dylan zog dahin), weil wir das, was wir schaffen wollen, niemals erreichen werden.“
Ein kurzer Absatz später folgt dann:

„Aber gerade an diesem Punkt, wenn wir die Suche schon aufgegeben haben, fliegt uns die Lösung zu. Die Imagination spielt uns gerne einen Streich. Und die Antwort kommt nicht scheibenweise […] Sie überrascht vielmehr durch Vollständigkeit und taucht schlagartig vor unserer Nase auf. Wir ärgern uns, dass wir nicht schon früher darauf gekommen sind.“

Jeder kennt diesen Augenblick. Aber wie kommt er zustande?
An dieser Stelle tauchen wir mit Lehrer in die Forschung eines gewissen Mark Beeman ein, der sich mit Patienten beschäftigt, dessen Gehirne auf der rechten Seite geschädigt sind. In einer komplexen Welt muss unser Gehirn sowohl vor lauter Bäume den Wald als auch die einzelnen
Bäume sehen können. Für den Wald ist die rechte Hirnhemisphäre verantwortlich, für die Bäume die linke. Machen wir uns das an einem Beispiel klar. Wenn ein Dichter an seinem Gedicht arbeitet, dann zerbricht er sich über jedes Wort stundenlang den Kopf. Für die meisten ergibt das keinen Sinn, für das Gedicht ist es jedoch unerlässlich: Es kommt buchstäblich auf jedes Wort, jede Zeile an. Kurz: Die linke Gerhinhälfte muss sich dabei hart ins Zeug legen. Viele Dichter (und noch mehr Jurastudenten) greifen deshalb auf Aufpuschmittel zurück, denn Wachmacher können durchaus zu kreativen Lösungen führen. Sie bündeln unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache, in dem sie eine starke Dopaminausschüttung verursachen. Sie haben nur einen Haken: „Da die Wachmacher den Blick für das Objekt schärfen, auf das man sich konzentriert, schwindet die Aufmerksamkeit für die entlegenen Gedankenverbindungen, die von der rechten Hirnhemisphäre ausströmen.“Die Wachmacher lassen also den einzelnen Baum klarer sehen, aber nicht mehr den Wald. Wenn Romeo über Julia sagt: »Julia ist die Sonne«, konzentriert sich die linke Hirnhemisphäre auf die einzelnen Bauteile des Satzes, auf Adjektive und Nomen und ihre Bedeutungen. Doch bei diesem Satz ergibt die einzelne Bedeutung keinen Sinn. Die Person Julia ist natürlich nicht der brennende Planet Sonne. Hier müssen also zwei miteinander völlig unabhängige Dinge in einem sinnvollen Zusammenhang gebracht werden. Wir alle verstehen sofort, dass damit, Julia sei schön wie die Sonne, gemeint ist.
Kurz: Wir verstehen die Metapher. Menschen mit einer Störung der rechten Hemisphäre können das nicht. Sie sind zum Beispiel nicht in der Lage ein einfaches Haus zu zeichnen. Sie konzentrieren sich zu sehr auf die Form der Tür oder die Falten der Vorhänge. Der Wald bleibt ihnen somit verborgen.Zwei Methoden für Kreativität können wir also festhalten (Es gibt noch mehrere!). Bei der einen Methode muss man wie Bob Dylan loslassen, damit sich entfernte Hirnverbindungen vernetzen können. Nach langer Arbeit und Frustration lenkt man sich ab und lässt sich auf etwas komplett Anderes ein, während die rechte Hemisphäre heimlich nach verwinkelten Wegen zur Lösung des Problems sucht. Joints können dabei hilfreich sein.
Bei der anderen Methode beflügelt eher die konzentrierte, bewusste Feinarbeit die Kreativität, weil man solange auf ein Problem starrt, bis man auf die richtige Lösung kommt. Hierbei können Wachmacher wie Amphetamine durchaus hilfreich sein.
Einen Masterplan gibt es jedoch nicht.Eine andere Frage: Sind alle Menschen kreativ?Picasso fasste das Problem folgendermaßen zusammen:
„Jedes Kind ist Künstler. Das Problem liegt darin, wie man Künstler bleibt, wenn man heranwächst.“ Die Neurowissenschaft kann dem nur zustimmen. Aus der Alltagserfahrung aber auch aus der Kreativität-Forschung wissen wir, wie zum Beispiel die Improvisationswilligkeit mit dem Alter abnimmt:
„Wenn die Gehirne der Menschen heranreifen, hemmen sie die eigenen Fähigkeiten zur Improvisation: Sie beginnen, sich darum zu sorgen, dass sie etwas Falsches sagen, einen falschen Ton spielen oder vom Surfbrett stürzen könnten. An diesem Punkt setzt der «forth grade slump» ein, wie Wissenschaftler das Phänomen nennen: Ab der vierten Klasse zeigen sich Schüler plötzlich spürbar unwillig, im Unterricht künstlerisch tätig zu werden.“Jonah Lehrer geht in diesem Buch aber noch viel weiter als über den Einzelnen und beschäftigt sich mit Zusammenhängen zwischen Kreativität und die Wirkung von Kritik, Schulformen, oder zum Beispiel Migration. In Ländern wie Amerika sind über sechzig Prozent der Doktorabschlüsse in den Ingenieurwissenschaften von ausländischen Studenten mit einem befristeten Visum erworben. Migranten in Amerika melden doppelt so viele Patente an als die alteingesessene Bevölkerung. Erfinder mit Migrationshintergrund haben in den letzen Jahren in den USA über ein Viertel aller Anträge auf ein weltweites Patent gestellt. Jonah Lehrer folgert:
„Zeitalter des Genie-Überflusses gehen stets mit einer neuartigen Durchmischung der Gesellschaft einher.“
Ein weiteres Kapitel, das mir sehr gefallen hat, behandelt neue Schulformen, die bestätigen, was wir schon immer geahnt haben: „Begreifen geht aus dem Tun hervor. Kinder lernen nicht beim Konsum von Informationen, wenn jemand, von oben herab mit ihnen spricht. Sie lernen, wenn sie Dinge herstellen.“
An der NOCCA, eine der beeindruckendsten Schulen in Amerika, lernen Schüler ihre Kreativität produktiv einzusetzen. Auch dort zeigt sich, dass nicht so sehr Gene als vielmehr Fähigkeiten wie Beharrungsvermögen, Kreativität befördern:
„Das Beharrungsvermögen sorgt dafür, dass ein Geiger auch dann noch übt, wenn es gerade wenig Spaß macht, oder dass ein Schriftsteller seinen ersten Roman zu Ende schreibt und so lange an ihm herumfeilt,
bis er richtig gut ist.“
Um es auf eine Formel zu bringen: Kreativität ist Arbeit.Was oft im Alltagsverständnis der Kreativität verloren geht, ist zudem die Wichtigkeit von Fehlern. Mit Fehlern frei umzugehen, scheint aber einer der elementarsten Bestandteile der Kreativität zu sein. Die Viertklässler, die im Laufe der Jahre immer ruhiger werden, sind das perfekte Beispiel dafür: „Wenn Menschen befürchten, Falsches zu sagen, sagen sie am Ende gar nichts.“
Im Laufe meines Studiums erinnere ich mich an qualvolle Schweigeminuten, wenn Professorinnen in Seminaren Fragen stellten (dabei war es vollkommen egal, was sie fragten). Keiner redete.
Niemand wollte der Dumme sein und genau das ist das Problem.
In diesem Zusammenhang wird auch verständlich, warum  beispielsweise eine beliebte Methode, um Kreativität zu erzeugen, wie Brainstorming, so oft misslingt: „Jahrzehnte der Forschung haben übereinstimmend gezeigt, dass Brainstorming-Gruppen deutlich weniger Ideen hervorbringen als dieselbe Anzahl allein arbeitender Personen, die später ihre Gedanken bündeln. […] Der Grund, warum Brainstorming so ineffizient ist, führt uns zur Wichtigkeit von Kritik und Diskussionen zurück […] Aus einer Gruppe lässt sich nur dann das Maximalmaß an Kreativität herausholen, wenn sie zu einer offenen Diskussion über Fehler ermuntert wird. Erst dann ist sie mehr als die Summe seiner Teile. Dies rührt unter anderem daher, dass das Eingeständnis, dass man Fehler macht, die negativen Folgen von Fehlern reduziert.“Eine ergfolgreiche Vorgehensweise ist die Plussing-Methode, die das Animationsunternehmen Pixar Studios benutzt: „Jede Kritik an der Arbeit muss ein Plus enthalten, eine neue Idee, die konstruktiv auf den bestehenden Schwächen aufbaut.“ Denn Fehler dürfen nie entmutigen. Sie müssen uns helfen, neue Wege für ein Problem zu finden, also kreativ werden. Das Fazit lautet deshalb: „Wir können Dinge nur dann gut machen, wenn wir darüber reden, was wir falsch gemacht haben.“
Nun, glauben Sie immer noch zu wissen, was Kreativität ist?
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Massoud Doktoran

Massoud Doktoran

Massoud Doktoran ist Schriftsteller. Er machte seinen Master in Philosophie und Literaturwissenschaft. Während seines Studium arbeitete er an seinem ersten Roman Brenn Schule! Brenn!, der wahrscheinlich Ende 2016 rauskommen soll. Instagram