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David Grossman: Das Chaos im Anderen

„Ich genieße den Reichtum der authentischen, persönlichen, intimen Sprache. Ich denke an das wohltuende, tiefe Durchatmen, wenn es mir gelingt, der Klaustrophobie von Parolen und Klischees zu entkommen.“

Style: "db"

„Und nun wird mir klar, “ sagt ein in die Jahre gekommener Ehemann  zu seiner Therapeutin, „dass die Beziehung zwischen mir und meiner Frau so reguliert und definiert ist, dass man einfach keinen neuen und so großen Faktor in sie hineinstopfen kann (wie zum Beispiel – mich.)“

Eine wundervolle Passage aus David Grossmanns Roman Stichwort: Liebe. Auf zugegeben zynische Weise (der Humor, vor allem die Untertreibung der Klammer, ist bezeichnend jüdisch; die Szene hätte auch aus einem Woody Allen Film stammen können) vermittelt sie, dass Menschen ein Leben lang miteinander leben können, ohne sich wirklich zu kennen.
In seinem Essayband Die Kraft zur Korrektur  schildert Grossman, wie er manchmal – bei einem Spaziergang oder einer Tasse Kaffee – ein älteres Paar betrachtet und sich die Partner versucht zu der Zeit vorzustellen, als sie ein Paar wurden. Dabei streift er ihnen die Hüllen der Zeit, des Alters, der Müdigkeit und der Routine ab, um sie jung, frisch und naiv vor sich zu sehen, wie sie „in dem Moment ihrer Verschmelzung zum Paar wohl übereingekommen sind, wortlos, als würde ein Unterbewusstsein mit dem anderen Unterbewusstsein verhandeln.“ Übereingekommen, einander nicht aus allen möglichen Blickwinkeln, mit allen Licht- und Schattenseiten zu sehen, nicht alle Seelengegenden des Partners zu erkunden, die Abgründe zu meiden, einige der dunklen Bedürfnisse und befremdlichen Ängste zu übergehen, „die Stellen, an denen eine Seele zerhackt und sein Bewusstsein zerbröselt ist, die kochenden Kessel des Extremen.“ Kurz: den Menschen mit seiner ganzen inneren Landschaft.
„Eine solche Barriere zwischen einem Menschen und einem anderen können wir auch unter Freunden antreffen, und mögen es die besten, ja regelrechte Seelenverwandte sein. Auch bei den tiefsten, treuesten, dauerhaftesten Freundschaften werden wir hin und wieder eine dünne Schranke spüren, eine unbestimmte Scheu davor, alles zu wissen, einen Schutzwall, transparent, aber stabil, vor jener verborgenen Düsterkeit in unserem besten Freund.“
Wenn man genauer darüber nachdenkt, wird man sich darüber vielleicht gar nicht so wundern. Schließlich lehrt uns die Lebenserfahrung, dass die meisten von uns es nicht mal fertig bringen, sich dem zu stellen, was in ihrem eigenen Innern vorgeht. Und vielleicht unterscheidet sich die Mühe, die wir uns machen, um den Anderen nicht in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu sehen, gar nicht so sehr von der, die wir – beinahe unbewusst – auf uns nehmen, um den vielen Anderen, die es in jedem von uns gibt, nicht zu nahe zu kommen. Vielleicht geht es bei beiden darum, bestimmte Vorstellungen von Identität zu wahren, mit denen wir einfacher leben können, weil sie uns nicht verunsichern, befremden und beängstigen.
Für Grossman ist das Schreiben, das Schreiben von Literatur, ein Akt des Protests und des Trotzes, sogar der Rebellion gegen diese Angst, gegen die Verführung, „mich in mir selbst zu verbarrikadieren, eine kaum fühlbare Trennwand zu ziehen, nett und freundlich, aber äußerst effizient, zwischen mir und den anderen, und letztendlich auch zwischen mir und mir selbst.“
Wir sprechen also von Literatur als einer Brücke zwischen zwei Menschen. Sie spielt sich in dem Raum zwischen zwei Individuen ab und vermag in beide einzudringen. Jeder Leser kennt das Gefühl, das sich bei der Lektüre eines guten Buches einstellt: Die fiktionale Figur, auf magische Weise mit Worten ins Leben gerufen, rückt uns so nahe, dass wir mit ihr verschmelzen. Wir spüren ihre innersten Wünsche und Ängste, ihren Humor, ihre Liebe und ihre Unsicherheiten – kurz:  all die Dinge, die sie menschlich machen. Es ist das Gefühl der wirklich intimen Nähe zu der Person, von der das Buch, das wir lesen, handelt. „Und dies ist etwas, das man vielleicht auf keine andere Weise erreichen kann.“
Aber die Werte und die Horizonte dieser Welt, die Atmosphäre und die vorherrschende Sprache werden weitgehend nicht von der Literatur diktiert, sondern von jenem Phänomen, das wir als Massenmedien bezeichnen. Was passiert, in dem Moment, in dem man sich von dem Einzelnen abwendet und seinen Blick auf zwei, drei, zehn, hundert, zehntausend Menschen richtet? Wenn die Differenziertheit der individuellen Betrachtung vagen Gemeinplätzen weicht, auf denen die Masse gemütlich Platz findet? Wenn man über ganze Ethnien, Bevölkerungen und Minderheitsgruppen schreibt, ohne die menschliche Dimension der Einzelnen zu berücksichtigen? Wenn man nicht nur von einer Masse spricht, sondern auch zu einer Masse, je größer diese ist, desto besser, schließlich geht es um Verkaufszahlen und Einschaltquoten, um Abgabefristen, Erfolgsdruck und das allmorgendliche Meeting im Büro, „Gute Arbeit, die Zahlen stimmen!“ „Das wahre Ziel dieser Medien – abgesehen von der Profitmaximierung ihrer Eigentümer -, ist die Erhaltung eines permanenten Reizzustandes. Manchmal scheint es, dass nicht die Informationen an sich grundlegend und wichtig sind, sondern der Rhythmus, in dem sie einander ablösen. Der neutorische, gierige, konsumierende, verführerische Puls, den die Massenmedien schaffen.“
Bis hierhin Grossman im Jahre 2007. Das teuflische Bild, das von den Massenmedien gezeichnet wird, ist inzwischen allgemeingut. Natürlich seien diese von den Machthabern gelenkt, bestätigt der Durchschnittsbürger, natürlich verfolgen sie eigene Interessen –  in Zeiten von Twitter, Facebook & Co. ist jeder schnell bei der Hand mit Kritik an den Massenmedien. Erstmal nicht schlecht, will man meinen. Problematisch wird es, wenn die Kritik an den Massenmedien aus dem selben Geist geformt ist, den Grossman den Massenmedien selbst vorgeworfen hat. Dieser Geist verrät sich durch seine vulgäre Sprache, durch die Banalität und Scheinheilligkeit, mit der er komplexe politische und moralische Probleme behandelt, und der ahnungslosen Selbstsicherheit, mit der er sich an gefährlichem Halbwissen bedient. Er verrät sich dadurch, dass seine Sprache immer weiter verflacht, bis sie zu einer Aneinanderreihung von Schlagworten und Parolen verkommt. Er verrät sich durch einschlägige Feindbilder, die scheinbar für alle Probleme der Welt herhalten müssen (der Westen, der Islam etc). Dieser Geist argumentiert in schwarz weiß und schmeißt den Gemeinplätzen der Massenmedien seine eigenen Stereotypen und Vorurteile entgegen. Er will sich den Medien entgegensetzen und merkt nicht, dass auch er sich meilenweit entfernt hat von den Menschen mit all ihrer Komplexitität und all ihren Widersprüchen.
Kritisierte Grossman 2007, dass wir das Medium des Massenmediums, also die Sprache an sich, nicht mehr wahrnehmen, so müssen wir uns heute fragen, ob das Medium unserer Kritik an den Massenmedien nicht ebenso verkommen ist, wie der Gegenstand dieser Kritik.Die Literatur läuft dem Prozess, den ich hier beschrieben habe, entgegen, denn „wir tun beim literarischen Schreiben alles, um jeden Charakter unserer Geschichten aus den Fesseln des Stereotyps und des Vorurteils zu befreien. Wenn wir eine Geschichte schreiben, kämpfen wir darum – manchmal jahrelang –  alle Aspekte einer menschlichen Figur zu verstehen; ihre inneren Widersprüche, ihre Motive und ihre Hemmungen, jenes brodelnde Magma, von dem ich bereits gesprochen habe.“ Die Literatur hat keine einflussreichen Repräsentanten in den Machtzentren dieser Welt, und es fällt schwer zu glauben, dass sie in den aggressiven Schlachtfeldern der Realpolitik ihre Macht entfalten kann. Und doch vermag sie uns vielleicht einen alternativen Weg aufzeigen: „Über den Feind nachdenken. Ernsthaft und mit voller Konzentration über ihn nachdenken. Ihn nicht nur hassen oder fürchten, sondern ihn sich als Menschen vorstellen, dessen Ängste und Hoffnungen, Glauben und Denkweise, Interessen und Wunden andere sind. Den Feind der Nächste sein zu lassen, mit allem, was dazugehört. Das könnte auch aus militärischer Sicht, nachrichtendienstlich, hilfreich sein. In dem Sinn, dass man den Feind aus dem eigenen Innern verstehen könnte. Es könnte uns helfen, die Realität an sich zu verändern, so dass dieser Feind sukzessive aufhören würde, ein Feind zu sein.“ Erkenntnisse, welche die Literatur auch  Staatsmännern und Politikern vermitteln könnte. Also ran an die Bücher, ihr Diktatoren, Politiker und Offiziere dieser Welt…
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