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Frida Kahlos Seele

Zwei Jahre nach ihrem folgenreichen Unfall, im Jahre 1927, trifft Kahlo den berühmten Maler Diego Rivera. Im darauf folgenden Jahr sucht sie ihn nochmals auf, zeigt ihm ihre Bilder und fragt um Rat: „Bin ich begabt? Soll ich weitermachen?“ Rivera schildert die Szene in seiner Autobiografie: „Sie muss mir meine Begeisterung vom Gesicht abgelesen haben; denn bevor ich noch etwas sagen konnte, ermahnte sie mich nochmals in barsch abweisendem Ton: ›Ich will keine Komplimente von dir hören, sondern die Kritik eines ernsthaften Menschen. Ich bin weder Sonntagsmaler noch Kunstliebhaber, ich bin bloß ein Mädchen, das sich seinen Lebensunterhalt verdienen muss.‹“ Im August 1929 findet die Hochzeit statt. Die zierliche zweiundzwanzigjährige Braut steht während der Zeremonie im Rathaus neben einem doppelt so alten Ehemann mit barocker Leibesfülle und aufgedunsenem Gesicht, dem sie nur bis zur Schulter reicht. Fridas Eltern vergleichen das Paar mit „einem Elefanten und einer Taube“. Über die 27 Jahre ihrer Beziehung werden Frida Kahlo und Diego Rivera eines der schillerndsten Künstlerpaare des 20. Jahrhunderts. Sie streiten und lieben leidenschaftlich, haben Affären –  die bisexuelle Kahlo unter anderem mit der französischen Künstlerin Josephine Baker und mit Leo Trotzki -, sie lassen sich scheiden und heiraten ein Jahr später wieder.

In ihrem ausgiebigen Briefverkehr finden sich Briefe von einer atemlosen Intensität in der poetischen Sprachschöpfung, voller Seelenqual und Sehnsucht.  Diese möchte ich hier teilen:

Diego.

Die Wirklichkeit ist so großartig, dass ich weder sprechen, noch schlafen, oder zuhören oder lieben kann. Mich gefangen zu fühlen, mit keiner Angst vor Blut, außerhalb von Raum und Zeit, innerhalb deiner eigenen Angst, und deiner großen Qual, und innerhalb jedes deiner Herzschläge. Dieser ganze Wahnsinn, wenn ich ihn von dir verlangen würde, ich weiß, in deinem Schweigen,wäre nur Verwirrung.Ich bitte dich um Gewalt, in dem Unsinn, und du, du schenkst mir Gnade, dein Licht und deine Wärme. Ich würde dich gerne malen, aber es gibt dafür keine Farben, denn es gibt so viele, in meinem Durcheinander, der konkreten Form meiner großen Liebe.

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Diego:

Nichts ist vergleichbar mit deinen Händen, nichts wie das Grüngold deiner Augen. mein Körper ist über Tage und Tage ausgefüllt von dir. du bist der Spiegel der Nacht. der gewaltsame Blitzschlag. die Feuchte der Erde. Die Kuhle deiner Achselhöhlen ist meine Zuflucht. meine Finger berühren dein Blut.  Meine ganze Freude ist es, Leben aus deinem Blumenbrunnen sprießen zu fühlen, den ich bewache, um all die Pfade meiner Nerven zu füllen, die deine sind.

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Mein Diego:

Spiegel der Nacht.

Deine Augen grüne Klingen in meinem Fleisch, Wellen zwischen unseren Händen.

Du in Gänze in einem Raum voller Klänge – im Schatten und im Licht. Du wurdest AUXOCHROM genannt,  derjenige, der Farbe aufnimmt. Ich CHROMOPHOR – diejenige, die Farbe gibt.

Du bist alle Kombinationen von Nummern. Leben. Mein Wunsch ist, die Linien der Schattenbewegung zu verstehen. Du verwirklichst und ich empfange. Unser Wort wandert die Gesamtheit des Raums und erreicht meine Zellen, die meine Sterne sind, geht dann über zu deinen, die mein Licht sind.

Auxochrom – Chromophor. Diego

Sie, die die Farbe trägt.

Der, der die Farbe sieht.

Seit dem Jahr 1922.

Bis in alle Ewigkeiten. Jetzt in 1944. Nach all den durchlebten Stunden. Die Vektoren fahren fort in ihrer ursprünglichen Richtung. Nichts hält sie auf. Mit keinem anderen Wissen als lebende Emotion. Mit keinem anderen Wunsch als weiter zu machen bis sie sich treffen. Langsam. Mit großer Unbehaglichkeit, aber mit der Gewissheit, das alles vom „Goldenen Schnitt“ geleitet wird. Da ist zelluläre Anordnung. Da ist Bewegung. Da ist Licht. Alle Mittelpunkte sind gleich. Verrücktheit existiert nicht. Wir sind dieselben, die wir waren und die wir sein werden.

 

Um eine ganz andere Seite von Frida Kahlos Briefen kennen zu lernen, werft einen Blick auf Frida Kahlos Lächeln.

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