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Gunnar Heinsohn: Der Terror der Jungen

Was, wenn Krieg und Terror weniger mit Ideologien als vielmehr mit überschüssigen Söhnen zu tun hätten? Was, wenn das eigentliche Problem gar nicht der islamische Fundamentalismus ist, sondern die Demografie?

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Das ist die These, mit der Gunnar Heinsohn 2003 die Diskussion in eine ganz andere Richtung lenkte. Gunnar Heinsohn einzuordnen, ist fast unmöglich. Er ist Sozialwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Genozidforscher, Religionswissenschaftler, Philosoph und vieles mehr. In all diesen Gebieten ist er mit seinen Arbeiten hervorgestochen. Steht er vor der Kamera, beschränkt er sich meist aufs Nötigste, präzise und prägnant wie in seinen Texten. Im Lexikon ökonomischer Werke wird er als einer der zwei wichtigsten lebenden Autoren mit drei seiner Bücher angeführt. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich mich mit seiner Theorie des Geldes auseinandersetzen, die bahnbrechend für die Ökonomie war. Doch zurück zum Terror.

Ich weiß nicht, wie viele Polit-Talkshows, öffentliche oder private Debatten ich mitbekommen habe, in denen entweder Ideologien, Religionen, weltweiter Kapitalismus oder Waffenhandel für die Kriege verantwortlich gemacht wurden. Ein aktuelles Beispiel ist der islamische Terrorismus. Eine Methode, ihn zu verstehen, ist, dass man sich auf Koranverse bezieht und nachzuweisen versucht, wie Fundamentalisten sie gebrauchen, um ihre Morde zu rechtfertigen. Man sagt, dass Menschen in islamischen Ländern mit einem komplett anderen ‚Wertesystem‘ oder ‚Weltbild‘ erzogen werden und sich dieses logischerweise in ihren tödlichen Handlungen niederschlägt. So erlebten wir nach dem 11. September 2001 einen immensen Schub von Islamexperten, die uns fleißig erzählten, wie bestimmte Passagen in heiligen Texten geradezu zum Mord aufrufen.
Der Gedanke ist ja auch naheliegend. Wenn jemand im Namen Allahs Morde begeht, ist es nicht abwegig, den Islam unter die Lupe zu nehmen und  zu schauen, was Allah so gesagt hat. Wenn Nazis morden, sagen wir ja auch, dass es mit ihrem Weltbild zusammenhängt. So weit so allgemein.

Samuel Huntingtons 1996 erschienenes Buch Kampf der Kulturen (Clash of Civilizations) gab den nötigen Anstoß für die Art und Weise, wie wir heute über Kriege diskutieren. Die Vorgehensweise ist einfach. Man pickt sich kulturelle Differenzen heraus und sagt, die Unterschiede in den Weltbildern seien für die Clashes verantwortlich. Nennen wir es: Huntington für Anfänger. Dabei hatte sich Huntington kurz nach seinem Buch von seiner Grundidee distanziert: „Während die Öffentlichkeit seinen «alten» Hauptgedanken religiös-kultureller Konfliktpotenziale heftig diskutiert und Theologen fragt, was denn wirklich in Koran und Bibel steht, hat der berühmte Autor sich längst einem anderen Hauptgedanken verschrieben.“, nämlich dem des: youth bulge.
„Ein youth bulge findet sich überall dort, wo die 15 bis 29 Jährigen mindestens 20 Prozent bzw. die Kinder (0-15 Jährigen) mindestens 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.“ Der youth bulge ist also ein Überschuss an jungen Leuten. Doch was ist daran so problematisch? Begeben wir uns für diese Frage in ein Land über das jeder, den ich kenne, meint, eine Meinung haben zu müssen:
Ich rede von Israel.
Die palästinensische Bevölkerung wuchs zwischen 1967 und 2002 von 450.000 auf 3,3 Millionen an. Allein die PLO hatte Anfang der 2000er Jahre 40.000 kampfbereite Soldaten und bis heute unzählige Tote zu beweinen oder zu verschulden. Blenden wir mal all die Gründe für und gegen diesen Krieg kurz aus, all die medialen Bezeugungen über das Schrecken gegen die Menschlichkeit, die uns zur Weißglut treiben und uns eine Pro- oder Kontraposition abverlangen. Lassen wir nur den Demografen in uns walten. Bereit?

Bis 2003 hatte jede palästinensische Frau sechs Kinder. Die heinsohnische Logik besagt, dass diese Kinder mit 15 den Lebenskampf antreten. Was sie vor allem in diesem Alter wollen, ist, nach oben kommen, einen Platz in der Gesellschaft finden. Sie haben nur ein Problem. Auf tausend tote Alte werden sechstausend neue Kinder geboren. Die wirtschaftlichen Positionen in einem Land wie Palästina sind deshalb nicht nur knapp, sondern schier nicht vorhanden. Kurz: Diese Kinder stehen auf verlorenem Posten. Ihr Aggressionspotenzial steigt, wenn ihre Hoffnung auf die Zukunft schwindet. Der Kampf um Status und Anerkennung bildet in jeder Gesellschaft das psychologische Zentrum des menschlichen Strebens. Da Anerkennungs- und Statusangebote in den meisten youth bulge Ländern eine mangelnde Ressource darstellen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Terrororganisationen bieten den aufstrebenden Söhnen etwas an, was ihr Land ihnen nicht mehr anbieten kann, eben Position, Anerkennung und Status.

Der Krieg gegen Ungläubige wird somit für diese Jungs zu einer heiligen Aufgabe. Er gibt ihnen nicht nur eine ehrbare Position in einer kleinen, religiösen Gemeinschaft, sondern auch finanzielle Unterstützung und die Chance auf die größte Anerkennung: Der Märtyrertod. Da Menschen aber nicht einfach so töten können, brauchen sie gute Vorwände. Diesbezüglich haben sich Religionen in der Geschichte sehr dienlich erwiesen. Natürlich wissen diese jungen Männer, das Töten schlecht ist, psychologisch jedoch zu verkraften, wenn es für eine „heilige“ Sache steht. Psychologische Entlastungen in dieser Form tauchen oft beliebig auf. Ob sie im Namen des Kommunismus, Nazismus, oder Islamismus töten, ist im Prinzip egal, zuerst muss die Zahl der Söhne stimmen.

Huntington selbst ahnte das schon und bezog sich am Ende seines Buches auf Garry Fullers Aufsatz, der bei der CIA einen wichtigen Beitrag zum Thema youth bulge veröffentlicht hatte: Demographische Hintergründe für ethnische Konflikte. Darin untersuchte Fuller die Massentötungen auf Ceylon durch Singhalesen und Tamilen und entwickelte so seine Demografie-These. Sri Lankas Bevölkerung war zwischen 1946 und 2002 von 6,7 auf 20 Millionen Menschen angewachsen. In einem Zeitraum von zweiunddreißig Jahren schlachteten sich Tamilen und Singhalesen zu 70.000 Menschen ab und mehr als eine Millionen immigrierten. Vor dem youth bulge waren derartige Tötungen aus diesem Gebiet unbekannt. Als Fuller die These an einigen anderen Konfliktländern untersuchte, zeichnete sich auf einmal ein Muster ab. Es waren immer die überschüssigen Söhne. Mit Werten hatte das wenig zu tun.

Nach Gunnar Heinsohn ist die Diskussion um Werte eine absolut fehlgeleitete. Weltweit teilen die Menschen fast alle dieselben Grundwerte: Dass das Leben heilig und das Töten schlecht ist, unterschreiben alle Kulturen. Dass gegenseitige Hilfe geschätzt, Egoismus geächtet, dass Mut höher als Feigheit, Gastfreundlichkeit höher als ein unwirtliches Verhalten bewertet wird, sind keine volksspezifischen Eigenheiten.
In etlichen Regionen der Welt lebten die unterschiedlichsten Religionen über Jahrhunderte Tür an Tür weitgehend friedlich miteinander. Dass die Religionen nun als Gründe für Massentötungen bemüht werden, ist eher verwunderlich. Die einfache Frage lautet deshalb:

Warum jetzt?

Leute, die die These vertreten, es läge an den unterschiedlichen Werten oder Weltbildern, können diese simple Frage nicht beantworten, ohne seltsame, geistige Verrenkungen zu machen. Warum sollen dieselben Werte, die früher nie ein Problem waren, jetzt die Kriege erklären? Heinsohn lehnt sich zurück und erwidert:
„Vielleicht lässt sich Huntingtons ursprüngliche These so umformulieren, dass ein youth bulge, einmal in Bewegung geraten, sich Rechtfertigungen für sein furchtbares Tun auch aus der Religion und Moral seiner Herkunftsgebiete zurechtschneidert.“ Und mit dem Folgesatz formuliert Heinsohn den entscheidenden Gedanken: „Religion liefert dann zusätzliches Öl für ein Feuer, dessen Ausgangsbrennstoff nicht von ihr stammt.“

Natürlich kann die Aussicht aufs Paradies die Motivation eines Selbstmordattentäters steigern, aber um Selbstmordattentäter zu produzieren, können Sie auch eine von den 2000 japanischen Kamikazen sein, die sich zwischen 1944 und 1945 für das geliebte Kaiserreich in die Luft jagten und zwar ohne Aussicht auf irgendwelche Jungfrauen im Paradies. Kurz gesagt: Die Vorwände kommen von allein.

Ist das nicht mal ein anderer Gedanke?

Schauen Sie sich die größten Konflikte an, so Gunnar Heinsohn, und Sie werden feststellen, Bürgerkriege, Massenauswanderung und terroristische Gruppierungen haben eine Sache gemeinsam: Sie werden durch youth bulge Phänomene ausgelöst. Das ist die Konstante, auf die man sich verlassen kann. Das Department of the Army – United States of America vermerkt deshalb seit 2002 in seinem Krisenszenario als erstrangige Bedrohung bis 2020 nicht den islamischen Terrorismus, sondern den youth bulge.

Ein Missverständnis, so Heinsohn weiter, das oft für Verwirrung gesorgt hat, ist, dass Menschen aus Hungersnot töten. Mit Hungernden kann man aber keine Kriege führen, gewinnen schon gar nicht. Kriegsstrategen und Friedenbefürworter scheiden sich an diesem Punkt am heftigsten. Die Kriegsstrategen sagen, sättigt man die Hungrigen in den youth bulge Ländern und gibt ihnen Bildung, stachelt man eben dadurch erst ihren Ehrgeiz an, in Massen auszuwandern:
„Je erfolgreicher jedoch der Kampf gegen Hunger und Analphabetismus verläuft, desto kampfeslustiger werden die nach oben strebenden jungen Männer. Die allgemeine Hoffnung auf das Ende der Kriege durch den Endsieg im Krieg gegen den Hunger gilt den Strategen als liebenswerte und zugleich naivste der Illusionen. Wohl nirgendwo liegen Kriegs- und Friedensforscher weiter auseinander.“

Falls sich jetzt schon Ihr Magen dreht, weil Sie diese kalte Rechnung mit Menschenleben für zu unmoralisch halten, gönne ich Ihnen jetzt eine kurze Atempause … Fertig? Noch nicht? Okay … Jetzt? … Jetzt aber?

Was ist die Lösung?

Wir erleben gerade das, was Gunnar Heinsohn 2003 in seinem Buch Söhne und Weltmacht beschrieben hat. Die Flüchtlingskrise ist keine überraschende Krise und die Lösung der meisten Länder eine ganz einfache: Festungen bauen. Das ist weit vor Trumps Idee mit der Mauer zu Mexiko entstanden. Die viel beschworenen Freiheitsländer, Amerika, Kanada, Australien, England machen es schon lange vor und alle anderen natürlich nach. Sie gelten als Elite-Hochburgen. Um in eines dieser Länder immigrieren zu können, muss man entweder genug Geld oder die nötige Bildungskompetenz mit sich bringen (falls man sich nicht reinheiraten kann). Ansonsten sind die Grenzen dicht.
Wo bleibt aber die Moral, fragen Sie. Die moralische Pflicht zur Hilfe.

Hören Sie, wie der Demograf in Ihnen lacht?

Jedes Land muss, um im weltweiten, ökonomischen Wettbewerb teilnehmen zu können, die Besten, Schlausten und Fähigsten in sein Land holen. In dem Artikel Was ist Kreativität zeigte ich, dass 60 Prozent der Promotionen in den Ingenieurwissenschaften in Amerika von Leuten mit einem befristeten Visum gemacht sind. Die Zukunft der Elite-Hochburgen liegt in einem angemessenen Verhältnis zwischen Talent-Scouting, wo sie sich die Besten frühzeitig schnappen, und der symbolischen Aufnahme von paar zu verkraftenden Kriegsflüchtlingen. Einige Länder verzichten komplett auf Migranten, so zum Beispiel Japan, das zwar ein vergreistes Land ist, aber im internationalen Wettbewerb ganz oben mitmischt. Gunnar Heinsohn schreibt, dass die meisten der sogenannten entwickelten Länder darauf hoffen, dass die youth bulges der Kriegsländer intern geregelt werden. Kurz: Dass sie sich gegenseitig abschlachten, damit die jungen Männer erst gar nicht vor unseren Grenzen stehen. Da Länder wie Deutschland pro Frau ein Kind gebären, werden sie nicht ihren einzigen Sohn als Soldat in die Kriegsgebiete schicken, um dort Massenmorde zu beenden. Bei Genoziden werden wir uns auf Lippenbekenntnisse und Facebook Posts beschränken, um nachts besser schlafen zu können.
„Immer diese Kriege, überall diese Kriege, und es wird auch immer mehr. Können die nicht einfach friedlich miteinander leben?“, sagte letztens ein Freund von mir und ich hörte wieder, wie der Demograf flüsterte:
„NEEEEIIIN.“

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Massoud Doktoran

Massoud Doktoran

Massoud Doktoran ist Schriftsteller. Er machte seinen Master in Philosophie und Literaturwissenschaft. Während seines Studium arbeitete er an seinem ersten Roman Brenn Schule! Brenn!, der wahrscheinlich Ende 2016 rauskommen soll. Instagram