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Khalil Gibrans Liebesbriefe an May Ziadeh

Einmal hast Du mir geschrieben „Gibt es nicht eine Begegnung der Geister, die jeder Sinneswahrnehmung entgeht?“ Wer könnte eine solche Kommunion zwischen den Kindern eines Landes leugnen?

Der im Libanon geborene Khalil Gibran (1883-1931) hat mit “Der Prophet” einen unvergessenen Klassiker geschrieben. Das Werk gehört 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch zu den meist verkauften Büchern weltweit. May Ziadeh ist die bedeutendste Schriftstellerin arabischer Sprache in der ersten Häfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr als zehntausend Kilometer trennten sie: Er lebte in New York, sie in Kairo. Ohne einander je persönlich zu treffen, schrieben sie sich Liebesbriefe, siebzehn Jahre lang, von 1914 bis 1931.

511hd1v1pdl-_sx258_bo1204203200_Nach der Veröffentlichung von Gibrans Romans „Die gebrochenen Flügel“ schreibt ihm die libanesische Dichterin einen begeisterten  Brief. Nach den ersten Briefen haben beide bereits das Gefühl im Gegenüber einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Dieses Gefühl ist für Ziadeh so intensiv und beherrschend, dass sie die Schar der Bewerber, die in Kairo um ihre Hand anhalten, keines Blickes würdigt. Im Laufe der Jahre entfaltet sich die Beziehung zwischen Gibran und Ziadeh zu beidseitiger Liebe. Sie hält fast zwanzig Jahre, bis zu Gibrans Tod, der Ziadeh in tiefe Depressionen wirft und den Beginn ihres tragischen Untergangs markiert. Ziadehs Briefe sind bis heute nicht aufgetaucht; diejenigen von Gibran hingegen sind der Öffentlichkeit zugänglich und von Ursula und S. Yussuf Assaf  ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht.

Feinfühlig und mit viel Vorsicht beschreibt Gibran 1919 das Wesen ihrer rein platonischen Beziehung.

In der letzten Zeit erlebte ich eine geistige, zarte, starke und seltene Verbindung, die sich in ihrer Natur, ihren Vorzügen und ihrem Einfluss von jeder anderen Beziehung unterscheidet, sie ist stärker und dauerhafter als Familienbande oder ideelle Verbindungen. Nicht ein einziger Faden dieses Bandes wurde aus den Tagen und Nächten zwischen Wiege und Grab gewoben. Dieses Band bestand seit Anbeginn, ohne dass es von der Vergangenheit noch von der Zukunft geflochten wäre. In einer solchen Verbindung, May, in einem so innigen Gefühl und gegenseitigem Verständnis gibt es Träume, die seltener, unergründiger und wunderbarer sind als alles andere, was im menschlichen Herzen schwingt, Träume hinter Träumen, hinter Träumen… Und in diesem gegenseitigen Verständnis, May, gibt es ein tiefes, stilles Lied, das wir im Schweigen der Nacht vernehmen und das uns fort trägt über Nacht und Tag hinweg, über Zeit und Ewigkeit hinaus…. Mit dem oben Gesagten versuchte ich, May, Ihnen mitzuteilen, was Ihnen niemand anders übermitteln kann als jemand, dessen Seele der Ihren gleicht.

Eines der schönsten Briefe ist der vom 03. November 1920. In einer langen Passage offenbart sich Gibran in seiner Einsamkeit, die sich nach der Begegnung mit einer anderen einsamen Seele sehnt.

Und du? Bist Du nicht auch eine Fremde in dieser Welt? Ist Dir Deine Umgebung nicht fremd mit all ihren Zielen, Wünschen und Tendenzen? Sag mir, May, gibt es in dieser Welt viele, die die Sprache Deiner Seele verstehen? Wie oft bist Du jemandem begegnet, der Deinem Schweigen lauscht, der Dein Schweigen versteht und der mit Dir das Allerheiligste des Lebens betritt? Du schreibst „Du bist ein Künstler und ein Dichter, und es soll Dich glücklich und zufrieden machen, Künstler und Dichter zu sein.“ Ich bin weder Dichter noch Künstler, May. Ich verbringe meine Tage und Nächte malend und schreibend, doch meine Seele ist nicht in meinen Tagen und Nächten. Ich bin ein Nebel, der die Dinge einhüllt und voneinander trennt, statt sie zu vereinen. Ich bin ein Nebel, der sich nicht in Regen verwandelt. Ich bin Nebel, und darin liegt meine Einsamkeit und meine Isolation, mein Hunger und mein Durst. Mein Unglück ist es, dass sich dieser Nebel nach der Begegnung mit einem anderen Nebel am Horizont sehnt. Er sehnt sich danach, jemanden sagen zu hören: Du bist nicht allein. Wir sind zu zweit, und ich weiß, wer du bist. Sag mir, meine Freundin, gibt es in dieser Welt jemanden, der fähig und willens ist, mir zu sagen: Ich bin ein anderer Nebel. Komm, o Nebel, lass uns unsere Zelte nebeneinander aufschlagen und lass uns miteinander auf den Bergen zelten! Lass uns über die Bäume ziehen und die hohen Felsen bedecken! Lass uns eindringen in die Poren und Herzen der Geschöpfe, und lass uns durch ferne, unbekannte Orte streifen! Sag mir, May, gibt es in Deiner Umgebung jemanden, der fähig und willen ist, mir ein einziges solcher Worte zu sagen? Ich habe das Ende dieser Seite erreicht, bevor ich auch nur ein Wort von dem geschrieben habe, was ich Dir zu sagen beabsichtigte, als ich die erste Seite zu schreiben begann. Der Nebel hat sich nicht in Regentropfen verwandelt, und jenes beflügelte, unruhige Schweigen hat sich nicht in Worten ausgedrückt. Willst du nicht Deine Hände mit diesem Nebel füllen, May? Willst Du nicht Deine Augen schließen und dem beredten Schweigen lauschen? Und willst Du nicht wieder einmal herüberkommen, in dieses Tal, wo sich die Einsamkeit wie eine Herde bewegt, wie eine Vogelschar flattert, wie ein Bach plätschert und sich hoch erhebt wie ein Eiche? Willst Du nicht wieder einmal hier vorbeikommen, May?

 

Langsam tastet sich Gibran an eine Liebeserklärung heran. Im Mai 1921 noch vermag er trotz seiner offenkundigen Zuneigung die Liebesworte nur im Schweigen ausdrücken.

Ich las kein einziges Stück von Dir, ohne dass sich mein Herz nicht vor Freude weitete. Und bei der zweiten Lektüre verwandelten sich alle Aussagen allgemeiner Art in ganz persönliche Aussage, und ich sehe in den Ideen, Formen und Strukturen, was kein anderer außer mir darin entdecken kann; und ich lese zwischen den Zeilen Zeilen, die für niemand anderen geschrieben wurden als für mich. May, Du bist ein Schatz unter den Schätzen des Lebens – nein, Du bist mehr als das – Du bist DU. Und ich danke Gott, dass Du der gleichen Nation angehörst wie ich und dass du in einer Zeit lebst, in der auch ich lebe. Jedesmal, wenn ich mir vorstelle, dass du im letzten Jahrhundert gelebt hättest oder im kommenden Jahrhundert leben würdest, fuchtele ich mit meiner Hand in der Luft wie jemand, der eine Rauchwolke vor seinem Gesicht mit dieser Handbewegung vertreiben will. Es ist Mitternacht, und bis jetzt habe ich immer noch nicht die Worte zu Papier gebracht, die meine Lippen formen – manchmal nur flüsternd und manchmal mit lauter Stimme. Ich lege dieses Wort ins Herz der Stille, denn die Stille bewahrt alles, was wir ihr anvertrauen, mit Wohlwollen, Eifer und Glauben. Die Stille trägt unsere Gebete dahin, wo wir sie haben möchten, oder sie lässt sie zu Gott gelangen.

Ein halbes Jahr später nimmt er sich ein Herz und schreibt fortan bar jeder Rhetorik, was sein Herz ihm diktiert.

Das Herz ist einfach, May, und die Herzensoffenbarungen sind ebenfalls einfach…. Was meinst DU, sollten wir nicht von der Rhetorik zur einfachen Herzenssprache überwechseln? Du lebst in mir, und ich lebe in Dir! Du weisst es, und ich weiss es wie Du. Sind nicht diese wenigen Worte besser als alles, was wir bisher geschrieben haben? Was hat uns im letzten Jahr daran gehindert, solche und ähnliche Worte auszusprechen? War es Scheu, war es Stolz, waren es gesellschaftliche Konventionen? Oder was sonst? Von Anfang an war uns diese Wahrheit bekannt. In dieser Stunde bist Du bei mir, May. Du bist bei mir. Hier bist Du bei mir, und ich spreche mit Dir mit anderen, weit besseren Worten als diesen; ich spreche zu Deinem großen Herzen in einer Sprache der Herzen, und ich weiß, dass Du mich hörst; ich weiß, dass wir beide uns unmissverständlich verstehen, und ich weiß, dass wir in dieser Nacht dem Throne Gottes näher sind als jemals zuvor. Ich lobe und preise Gott, ich lobe und danke Gott, denn der Fremde ist in seine Heimat zurückgekehrt und der Reisende in das Haus seiner Eltern.

Im Dezember 1923 schreibt er May:

„Von allen Menschen bist Du es, die meiner Seele und meinem Herzen am nächsten steht, und unsere Seelen und unsere Herzen haben sich nie gestritten, und die Gedanken sind unserer Umwelt entlehnt; sie setzen sich zusammen aus dem, was wir sehen und hören und was jeder Tag bringt. Seele und Herz aber sind das ewig Göttliche in uns; sie sind wesentlicher und ursprünglicher als unsere Gedanken. …der Verstand kann weder ein Wort über die Liebe sagen, noch kann er die Tiefe der Seele erfassen oder das Herz mit dem Maß seiner Logik messen. Ich liebe meine Kleine, aber mein Verstand kann mir nicht sagen, warum ich sie liebe. Und ich will es auch gar nicht verstandesmäßig wissen. Es genügt, dass ich sie liebe. Es genügt, dass ich sie mit meiner Seele und meinem Herzen liebe. Es genügt mir, dass ich meinen Kopf an ihre Schulter lehne, wenn ich traurig, einsam und fremd bin, oder wenn ich glücklich, erstaunt und entzückt bin; es genügt mir, dass wir Seite an Seite dem Gipfel des Berges erklimmen und dass ich ihr von Zeit zu Zeit sage „Du bist meine Begleiterin, Du bist meine Begleiterin.

„Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Dich, May. Ich denke immer an Dich, und jeder dieser Gedanken enthält etwas Süßes und etwas Bitteres. Es ist merkwürdig, immer wenn ich an Dich denke, flüstere ich Dir ins Ohr: „Komm, entledige Dich aller Sorgen, und gieße sie in mein Herz!“ Und manchmal rufe ich Dich mit Namen, deren Bedeutung niemand kennt außer liebenden Vätern und zärtlichen Müttern. Ich küsse Deine rechte Hand und dann Deine linke, und ich bitte Gott, dass er Dich bewahre und segne, dass er Dein Herz mit seinem Licht fülle und dass er Dich erhalte als den Menschen, den ich am meisten liebe.

 

„Fürchte nicht die Liebe, May, fürchte nicht die Liebe, Begleiterin meines Herzens! Wir müssen uns ihr überlassen – trotz allem, was sie mit sich bringt an Leiden, an Sehnsucht und Einsamkeit, und trotz allem, was sie enthält an Verwirrung und Zweifel.“  

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