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Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

„Ich möchte in einer Kultur der Stille leben, in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden.“ – P. Bieri

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Peter Bieri ist schweizer Philosoph. Er lehrte sein halbes Leben an diversen Universitäten bis er, verärgert über den Universitätsbetrieb, die Lehrtätigkeit aufgab und freier Schriftsteller wurde. Unter dem Pseudonym Pascal Mercier werden seine Romane inzwischen in der ganzen Welt gelesen. Begeistert vom Nachtzug nach Lissabon, fing ich an, seine anderen Romane zu lesen, und bin irgendwann auf dieses philosophische Buch gestoßen, ein schmales Band, in dem drei von Bieris Vorlesungen unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“ vereint sind.

Wie wollen wir Leben? Nun, wir wollen frei sein. Wir wollen selbst über unser Leben bestimmen. Es geht um Würde, es geht um Glück. Doch was bedeutet ein selbstbestimmtes Leben eigentlich und in welchem Sinn kann ich über mein Leben bestimmen? Zunächst heißt Selbstbestimmung schlichtweg die Befreiung von äußerer Tyrannei. Niemand soll uns vorschreiben, was wir zu denken, zu tun und zu sagen haben. Keine Bevormundung also durch Eltern, keine Drohungen von Arbeitgebern, keine Diktatur der Regierung und kein Druck von Lebensgefährten. Niemand, der uns zu tun nötigt, was wir von uns aus nicht tun möchten. Niemand und nichts, denn auch Krankheit, Armut oder Behinderung können uns verbauen, was wir tun und erleben möchten.

Komplizierter und undurchsichtiger, so Bieri, werde die Idee der Selbstbestimmung, wenn wir sie unter einer zweiten Lesart betrachten. Dabei gehe es nicht mehr um die Unabhängigkeit von Anderen, sondern darum, sich von seinen inneren Zwängen zu befreien, Einfluss auf die eigene Innenwelt zu nehmen, auf die Dimension seines Denkens, Wollens und Erlebens, aus der heraus sich alle Handlungen ergeben. Mit anderen Worten: sich selbst zum Thema zu werden. Es zeichnet uns Menschen ja gerade aus, dass wir uns nicht nur blind treiben lassen müssen, sondern uns in unserem Erleben selbst zum Thema werden können. Das ist die Fähigkeit, einen Schritt hinter sich zurückzutreten und einen inneren Abstand zum eigenen Erleben aufzubauen. Die Distanz zu sich gibt es nach Bieri in zwei Varianten:

  1. Erkennen und Verstehen: Was ist es eigentlich, was ich denke, fühle und will? Und wie ist es zu diesen Gedanken, Gefühlen und Wünschen gekommen?
  2. Bewertung des eigenen Erlebens: Bin ich eigentlich zufrieden mit meiner gewohnten gedanklichen Sicht auf die Dinge, oder überzeugt sie mich nicht mehr? Finde ich meine Angst, meinen Neid angemessen? Möchte ich wirklich einer sein, der den beruflichen Erfolg sucht?

Es ist nichts mysteriös an diesem erkennenden und bewertenden Abstand, den wir zu uns selbst aufbauen können. Er besteht einfach in der Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, die sich auf diejenigen erster Ordnung richten. In diesem Vorgang bildet sich zweierlei heraus: Die Vorstellung davon, wer wir sind und die Vorstellung davon, wer wir sein möchten. Selbstbestimmt sei unser Leben, so Bieri, wenn es uns gelingt, im Handeln, Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten.

Natürlich kann man an dieser Stelle anzweifeln, ob es möglich ist durch Reflexion allein eine Veränderung zu bewirken. Wir hören schon die Einwände: Das Denken ist nicht stark genug! Wir sind, wie wir sind, geprägt von Erziehung, Umwelt und  körperlicher Beschaffenheit! Und darüber hinaus: Ist das Denken selbst nicht schon vorgeformt? Bei all den Zweifeln muss man jedoch eingestehen, dass zumindest die Möglichkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden und sich dadurch zu verändern, gegeben ist. Es gibt „einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Leben, in dem jemand sich so um sein Denken, Fühlen und Wollen kümmert, dass er in einem empathischen Sinne sein Autor und sein Subjekt ist, und einem anderen Leben, das der Person nur zustößt und von dessen Erleben sie wehrlos überwältigt wird, so dass statt von einem Subjekt nur von einem Schauplatz des Erlebens die Rede sein kann. Selbstbestimmung zu verstehen, heißt, diesen Unterschied auf den Begriff zu bringen.“

Selbstbestimmung setzt voraus, dass wir uns selbst zu verstehen versuchen. Wer zu einem realistischen Selbstbild gelangen will,  muss versuchen, die Logik seines weniger bewussten Lebens zu duchschauen. Nur so lassen sich innere Zwänge und diejenigen Selbsttäuschungen auflösen, die der Selbstbestimmung im Wege stehen. Wir müssen „denjenigen Unterströmungen des Fühlen und Wünschens auf die Spur kommen, die uns lenken, ohne dass wir es wissen und verstehen.“

 

Selbstbestimmung durch Sprache

Doch wie genau machen wir das: uns verstehen? Es hat viel mit Sprache zu tun. Mit dem Reflektieren und Finden der richtigen Worte für das, was wir erleben.  Stimmt es eigentlich, was ich über dieses Land, diese Partei, diesen Menschen, dieses Ereignis, diese Freundschaft denke? Indem ich nach Belegen für oder gegen gewohnte Überzeugen suche, eröffne ich einen inneren Prozess, in dessen Verlauf sich diese Überzeugungen ändern können. Vieles, was wir zu denken und zu wissen meinen, ist dadurch entstanden, dass wir Medien, Freunden oder Eltern nachgeplappert haben. Im Denken selbstständiger werden, bedeutet auch, wacher zu werden gegenüber blinden sprachlichen Gewohnheiten, die uns nur vorgaukeln, dass wir etwas denken. „Diese Wachheit kommt in zwei Fragen zum Ausdruck: Was genau bedeutet das? Und: Woher eigentlich weiß ich das? Es gehört zu einem selbstbestimmten Leben, dass einem diese Fragen zur zweiten Natur werden, wenn von wichtigen Dingen die Rede ist wie etwa Freiheit, Gerechtigkeit, Würde, Gut und Böse.“

Auch Empfindungen und Wünsche wandeln sich, wenn wir sie differenziert zum Ausdruck bringen. „Indem wir die Gefühle und Wünsche identifizieren, beschreiben und von anderen unterscheiden lernen, wandeln sie sich zu etwas, das genauere Erlebniskonturen hat als vorher. Aus Gefühlschaos etwa kann durch sprachliche Artikulation emotionale Bestimmtheit werden. Und das kann man verallgemeinern: Wenn unsere Sprache des Erlebens differenzierter wird, wird es auch das Erleben selbst.“ Ist die Beklommenheit, die uns bedrängt, Angst oder eher Ärger? Oder sogar Wut? Und wenn es Wut ist: Gegen wen oder was genau ist sie gerichtet? Das Gefühl bevor ich auf die Bühne gehe: Ist es Lampenfieber, die Angst vorm Versagen oder die Angst vor unterdrückten Emotionen, die zum Ausdruck drängen? Und dieser Drang, der mich seit Jahren durchs Leben hetzt: ist es einfach Geltungssucht, der Wunsch nach Reichtum und Glamour, oder zeigt sich darin eine tiefere Sehnsuch nach Anerkennung? Wir bringen uns zur Sprache und arbeiten durch Selbstbeschreibung an unserer Identität. Wir erkennen beispielsweise, dass es nicht nur Neid ist, was wir jemanden gegenüber empfinden, sondern auch Missgunst. Weiter kann uns klar werden, dass die Missgunst in einer Kränkung begründet liegt, die wir erlebt und in uns hineingefressen haben, eine Demütigung vielleicht. Diese Einsicht kann eine kausale Kraft entfalten und uns helfen, das konkrete Gefühl in vollem Umfang und voller Klarheit zu erleben und zu verändern. So haben wir bei dieser Sache einen neuen Grad an Bewusstheit erreicht. So kann aus Unbewusstem durch sprachliche Artikulation Bewusstes werden.

Zwei Weisen also , in denen wir durch sprachliche Artikulation Einfluss auf unsere Affekte nehmen und den Radius der Selbstbestimmung nach innen ausweiten können: „Differenzierung von bewusstem Erleben auf der einen Seite, Erschließen von Unbewusstem auf der anderen.“

 

Wohin blicken?

Wohin müssen wir blicken, wenn wir uns in Worte fassen wollen, um durch sprachliche Artikulation Einfluss auf unsere Identität zu nehmen? Nach innen, möchte man meinen. Doch, so Bieri in seiner  überraschenden, aber nachvollziehbaren These,  „es nützt nichts, die Augen zu schließen und sich zu konzentrieren. Es gibt kein inneres, geistiges Auge, das mit seinem unsinnlichen Blick die Konturen der Innenwelt erkunden könnte, für die man dann nur noch die pasenden Worte finden müsste.“ Wenn wir wissen wollen, was wir über eine Sache denken – ein Gesetz etwa oder einen Krieg – , so blicken wir ja auch nicht nach innen, sondern nach außen, auf die Sache. Analog dazu versteht Bieri die Selbsterkenntnis: Wenn wir wissen möchten, was genau das Gefühl ist, das wir einer Person oder einem Ereignis entgegenbringen, so geht es darum, uns selbst wie einem Fremden gegenüberzutreten und das Gefühl aus seiner Entwicklungseschichte heraus von außen zu betrachten. Selbsterkenntnis ist bei Bieri keine Folge einer reinen Innenschau. Das beudetet nicht, dass es keine introperspektive Selbsterkenntnis gibt. Wir können durch Steigerung von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit lernen, genauer zu spüren, wie uns zumute ist. Doch das ist nur der Beginn, und alles weitere erschließt sich nicht mehr durch eine Konzentraton nach innen. Worum es anschließend geht, „ist eine Vergewisserung über tiefer liegende Überzeugungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Eine solche Vergewisserung verlangt einen Blick in die Vergangenheit: auf die Entstehung unseres Fühlens, Denkens und Wollens. Wie bin ich in meinem Erleben geworden, was ich bin? Was waren die bestimmenden Faktoren, vielleicht auch Traumata? Wie hat sich ein Erleben aus einem anderen heraus entwickelt? Wieviel Stimmigkeit und Unstimmigkeit gibt es in meinem Denken und Erleben? Um solche Fragen zu beantworten, muss ich mir nicht introspektiv gegenübertreten, sondern mit dem Blick von außen, nicht viel anders als bei dem Versuch, einen Anderen zu verstehen.“

 

Selbstbestimmung und Literatur

Was Bieri bisher über unsere Gedanken, Wünsche, Affekte und Erinnerungen gesagt hat, lässt sich auch so ausdrücken: Selbstbestimmung bedeutet, dass wir sie uns durch Achtsamkeit und Sprache aneignen. Inwiefern trägt Literatur dazu bei? „Was wir in literarischen Texten lesen, eröffnet gedanklich ein Spektrum an Möglichkeiten: Wir erfahren, wie unterschiedlich es sein kann, ein menschliches Leben zu leben. Literatur weitet den Radius unserer Phantasie.“ Vor allem was die Innenperspektive eines Lebens betrifft (und das unterscheidet die Literatur vom Film) wächst unsere Vorstellungkraft. Wir erfahren viel über die Entwicklung, das Gelingen und Scheitern seelischer Identitäten. Ein wachsendes Verständnis dieser Dinge ist von entscheidender Bedeutung, wenn einer nach der eigenen Selbstbestimmung sucht und sich fragt, was ihm wichtig ist und wer er sein möchte. So etwas findet man nur heraus, wenn man sich gedanklich in einem weiten Spielraum von Möglichkeiten situiert. Das Universum der Literatur ist dieser Spielraum.

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