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Sherwood Andersons Briefe an seinen Sohn

Das Ziel von Kunst ist nicht gut verkäufliche Bilder zu malen. Es ist, sich zu retten.

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Bis vor kurzem kannte ich Sherwood Anderson nur vom Namen nach als berühmter amerikanischer Schriftsteller. Eher willkürlich griff ich dann auch vor einigen Wochen zu seinem Buch Winesburg, Ohio. Mehr und mehr interessiert an dem Mann hinter dem Buch, erkundigte ich mich über sein Leben und Werk. Erstaunt las ich, dass er als das bestbekannte Beispiel gilt für den talentierten Künstler, gefangen zwischen künstlerischem Drang und familiärer Verantwortung. Sesshaft mit einer Frau, drei kleinen Kindern und einem gutbezahlten Job erlebte er 1912 einen Nervenzusammenbruch,  gefolgt von einer tiefen persönlichen Kriese. Er entschloss, dem Ruf der Kunst zu folgen,  kündigte seinen Job, ließ Frau und Kinder zurück und zog zurück nach Chicago, um sein Leben der Literatur zu widmen. 1919 schon sollte sein erster, oben genannter Roman erscheinen und seinen Ruhm begründen. Im Frühjahr 1926, vierzehn Jahre nach ihrer ersten Trennung, schrieb Sherwood Anderson seinem 17-jährigem Sohn einen Brief, um ihm bei seiner bevorstehenden Lebensplanung beizustehen.

Ich wage zu behaupten, dass Beste ist zuerst gründlich ein Handwerk zu erlernen, so dass man immer seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. […] Wenn ich mein leben erneut Leben dürfte, nehme ich an, ich würde nach wie vor Schriftsteller sein aber ich bin sicher, dass ich mich zunächst damit befassen würde zu lernen, etwas unmittelbar mit den Händen zu machen. Nichts schenkt einem jene Zufriedenheit, die schöpferisches Handwerk mit sich bringt. Vor allem vermeide den Rat von Männern mit geringem Verstand, die nicht wissen, wovon sie reden. Die meisten kleinen Geschäftsleute sagen einfach – `Guck mich an.´ Sie bilden sich ein, kompetente Ratgeber zu sein, nur weil sie etwas Geld gescheffelt haben und eine bestimmte Position in ihrer kleinen Gemeinschaft einnehmen. Neben dem Beruf steht das Entwickeln eines guten Geschmacks. Das ist schwere, langsame Arbeit. Wenige bringen es fertig. Am Ende macht es den ganzen Unterschied aus. Ich bin ständig erstaunt darüber, wie wenig Maler über Malerei wissen, Literaten über Literatur, Geschäftsleute über Wirtschaft, Hersteller über Produktion. Die meisten Menschen lassen sich einfach treiben.

Nach einer gemeinsamen Europareise im folgenden Jahr, blieb Andersons Sohn in Paris, um Malerei zu studieren. Daraufhin schrieb ihm Anderson, der sich auf seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller stützen konnte, einen Brief über Kunst und das Künstlerdasein.

Lass dich nicht von etwas mitreißen nur weil es modern ist – der neuste Trend. Geh häufig zum Louvre und verbringe viel Zeit vor den Rembrandts, den Delacroixs. Lerne zu zeichnen. Versuch deine Hand zu solcher Geschicklichkeit zu führen, dass sie zu Papier bringt, was du willst, ohne dass du an sie denken musst.Dann kannst du an den Gegenstand vor dir denken. Zeichne Sachen, die dir etwas bedeuten. Ein Apfel, was heißt das für dich? Der Gegenstand ist nebensächlich. Entscheidend ist, was du für ihn empfindest, was er dir bedeutet. Aus einem Teller Kohlrabi könnte ein Meisterwerk entstehen. Zeichne, zeichne, hunderte von Bildern. Versuch bescheiden zu bleiben. Gerissenheit zerstört alles. Das Ziel von Kunst ist nicht gut verkäufliche Bilder zu malen. Es ist, sich zu retten. Die Deppen, die Artikel über mich schreiben, denken, dass ich eines Morgens auf einmal entschieden habe zu schreiben und begonnen habe, Meisterwerke zu schaffen. Es gibt keinen besonderen Trick beim Schreiben oder Malen. Ich habe über 15 Jahre beständig geschrieben, bevor ich irgendwas Stichhaltiges zu Wege gebracht habe.

Es geht natürlich darum, dich selbst zum Leben zu erwecken. Die meisten Leute verharren ein Leben lang in einer Art Benommenheit. Der Sinn eines Künstlerlebens ist, dass du leben darfst. Du wirst nicht ankommen. Es ist eine endlose Suche. Ich schreibe dir, als wärst du ein Mann. Nun, du musst wissen, mein Herz hängt nur an dir. Es ist nicht dein komerzieller Erfolg, den ich will.

Anderson sollte sich bis zu seinem Lebensende für junge Künstler engagieren und alles erdenkliche tun, um ihnen, deren Leiden er so gut kannte, den Weg zu ebnen. So ist es zum Beispiel seinem Einfluss zu verdanken, dass die ersten Romane von sowohl Hemingway als auch Faulkner veröffentlicht wurden.

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