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Václav Havel: Fernverhör

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An einem Punkt seiner Laufbahn als Schriftsteller, Journalist und Regimekritiker stand Václav Havel vor der Wahl: entweder er verlässt, mit etlichen Privilegien ausgezeichnet, das Land und hält sich von der Politik fern oder er wird ins Gefängnis gesperrt. Havel, der zu der Zeit als Dramatiker schon nationale Berühmtheit genoss, wählte das Gefängnis. Fünf Jahre verbrachte er dort. Nach seiner Entlassung  führte Havel einen Briefverkehr mit Karel Hvízd’ala. In den Schriften äußert Havel sich über das Theater, die Rolle des Intelektuellen in der Moderne, den menschlichen Geist, Kunst und nicht zuletzt über Liebe. Nur wenige Jahre nach dem Schriftverkehr wurde Havel einstimmig zum tschechischen  Staatspräsident gewählt. Bemerkenswert und gerade heute, drei Jahrzehnte später,  von großer  Bedeutung sind seine Ausführungen zur Krise der Menschlichkeit:

Es ist eigenartig, aber letztlich logisch: sobald der Mensch sich selbst zum höchsten Sinn der Welt und zum Maß aller Dinge gemacht hatte, begann die Welt die menschlichen Dimensionen zu verlieren und sich der Hand des Menschen zu entziehen. Die große Abkehr von Gott, die wir in der modernen Zeit durchmachen und für die es in der Geschichte kein Beispiel gibt (soweit ich weiß leben wir in der ersten atheistischen Zivilisation), hat ihre komplizierten geistigen und kulturellen Ursachen: sie hängt mit der Entwicklung der Wissenschaften, der Technik und der menschlichen Erkenntnis zusammen, mit dem gesamten neuzeitlichen Aufschwung des menschlichen Intellekts und menschlichen Geistes. … Und mir scheint, soll sich die Welt zum Besseren wenden, muss sich vor allem etwas im menschlichen Bewusstsein ändern, im Menschentum des heutigen Menschen; der Mensch muss sich auf irgendeine Weise besinnen; er muss sich aus dieser schrecklichen Verwicklung in alle offenbaren und verborgenen Mechanismen der Totalität von Konsum über die Repression und Reklame bis zur Manipulation durch das Fernsehen befreien; er muss sich gegen die Rolle des machtlosen Bestandteils einer gigantischen Maschine auflehnen, die Gott weiß wohin rast; er muss die tiefere Verantwortung für die Welt wieder in sich selbst finden – und das bedeutet, die Verantwortung für etwas Höheres als er selbst es ist. … Vielleicht wirkt es paradox, doch es zeigt sich, dass einzig die sittliche und geistige Orientierung, die auf dem Respekt vor irgendeiner ´außerweltlichen ´Autorität´ begründet ist – vor der Ordnung der Natur oder des Alls, vor der sittlichen Ordnung und ihrer überpersönlichen Herkunft, vor dem Absoluten -, dazu führen kann, dass das Leben auf dieser Erde nicht durch irgendeinen ´Mega-Selbstmord ´untergeht, dass es erträglich bleibt und wirklich menschliche Dimension erlangt. Und allein eine solche Orientierung kann offensichtlich zu einer Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen führen, in der der Mensch wieder Mensch ist, konkrete menschliche Person.

Im Hinblick auf die Wirtschaft entfaltet Havel seinen Gedanken weiter:

Zwischen dem Menschen und dem wirtschaftlichen Leben öffnet sich ein immer größerer Abgrund. Deshalb unter anderem – funktioniert dieser Wirtschaftstyp so schlecht: nachdem der Mensch die persönliche Beziehung zu seiner Arbeit und über das Schicksal ihrer Ergebnisse verloren hat, verliert er auch das Interesse an seiner Arbeit. Der Betrieb gehört angeblich allen, in Wirklichkeit aber gehört er niemandem. Seine Tätigkeit löst sich in der anonymen Eigenbewegung des Systems auf, für die niemand verantwortlich ist und die niemand durchschaut. Alle natürlichen Triebkräfte des wirtschaftlichen Lebens, wie es der menschliche Erfindungsreichtum und die menschliche Unternehmungslust sind, die Notwendigkeit einer gerechten Entlohnung, Marktbeziehungen, Konkurrenz usw. sind ausgeschaltet; niemand ist verantwortlich; niemand liegt an etwas; niemand erhält für diese oder jene Ergebnisse seiner Arbeit gerechten Lohn oder gerechte Strafe; die Menschen verlieren – was überhaupt das Schlimmste ist – jeglichen Kontakt zum Sinn der eigenen Arbeit. Alles fällt in die ungeheure Grube der unpersönlichen und anonymen wirtschaftlichen Eigenbewegung, von der Arbeit des letzten Hilfsarbeiters bis zur Entscheidung des Bürokraten in der zentralen Planungsbehörde.

Havel glaubt jedoch nicht daran, dass der Kapitalismus diese Probleme mit einem Wisch löst. Dieser hat nämlich, wenn auch auf anderem Niveau und nicht in derart trivialen Formen, mit denselben Problemen zu kämpfen (die Entfremdung ist ja zuerst gerade am Kapitalismus beschrieben worden): es ist bekannt, dass zum Beispiel die riesigen integrierten und internationalisierten privatkapitalistischen Betriebe bedenklich sozialistischen Staaten ähneln.

Mit der Industrialisierung, Zentralisierung, Spezialisierung, Monopolisierung und schließlich Automatisierung und Computerisierung vertiefen sich verständlicherweise die Elemente der Entpersönlichung und Sinnentleerung der Arbeit und parallel dazu die gesamte Lebensmanipulation des Menschen durch das System. IBM funktioniert sicher besser als Skoda, doch ändert das nichts daran, dass beide Betriebe schon lange die menschliche Dimension verloren und aus dem Menschen ein Schräubchen in ihrer Maschinerie gemacht haben, völlig abgeschnitten von dem, was diese Maschinerie eigentlich tut, warum und für wen, und was sie damit in der Welt bewirkt. IBM überschwemmt die Welt mit Rechnern,ohne dass irgendein Mitarbeiter ahnte oder gar beeinflussen könnte, was das mit der menschlichen Seele und der menschlichen Gesellschaft anrichtet, ob es die Menschheit versklavt oder befreit, ob es sie vor der Apokalypse rettet oder sie im Gegenteilt ihr näherbringt. Dem Menschen angemessen sind diese Megamechanismen wahrlich nicht, und der Umstand, dass die eine kapitalistisch ist, nach Gewinn strebt und besser funktioniert, während die andere sozialistisch ist, Verluste sie geleichgültig lassen und schlechter funktioniert, scheint mir von diesem Gesichtspunkt aus zweitrangig zu sein. Vielleicht wird jetzt schon deutlicher, zu welcher konkreten Systemvorstellung ich neige: das Wichtigste heute ist, dass die Wirtschaftseinheiten die Beziehung zum konkreten Menschen erhalten oder erneuern, dass ihre Arbeit menschlichen Inhalt und Sinn hat, dass sie es dem Menschen ermöglichen, in ihr Tun Einblick zu nehmen, mitzureden und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sie – ich wiederhole – menschliche Dimensionen haben, dass in ihnen der Mensch als Mensch arbeitet, als Wesen mit einer Seele und Verantwortung, und nicht als Roboter, sei er primitiv oder hochintelligent. Diesen Indikator, der schwer ökonomisch zu fassen ist, halte ich für wichtiger als alle bisher bekannten ökonomischen Indikatoren. Doch es geht nicht nur um den Menschen als arbeitendes Wesen. Es geht um den allgemeinen Sinn seiner Arbeit: dessen Kriterium sollte meiner Meinung nach wiederum die menschliche Qualität im weitesten Sinne des Wortes sein, also wiederum etwas, das mit irgendeiner, sei es kapitalistischen oder sozialistischen Wachstumskurve nur schwer zu erfassen ist. Es geht zum Beispiel darum,, dass der Mensch auf dieser Erde nicht nur einen Wohnort hat, sondern ein Zuhause; dass seine Welt Ordnung, Kultur, Stil hat: dass das Profil der Landschaft respektiert und mit Gefühl kultiviert wird (sei es auch auf Kosten des Produktionswachstums); dass der geheime Erfindungsreichtum der Natur geachtet wird, ihre Buntheit und die unerforschliche Kompliziertheit aller Bindungen, mit denen sie als Ganzes durchwebt ist; dass die Städte und Straßen ihren besonderen Charakter, ihre einzigartige Atmosphäre, ihren Stil erhalten; dass das menschliche Leben nicht auf das Stereotyp von Produktion und Konsum reduziert wird, sondern ihm alle differenzierten Möglichkeiten eröffnet werden; … dass sich einfach hinter der äußerlichen Buntheit des einen Systems und der abstoßenden Grauheit des anderen nicht dieselbe tiefinnerliche Leere des Lebens verbirgt, das den Sinn verloren hat.

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Das also ist meine persönliche „Utopie“; ich spreche nicht gerne davon, und Sie waren der erste, der mich gezwungen hat, sie zu erläutern. Ich hoffe, dass auch das unbestimmt Wenige, was ich hier gesagt habe, meinen Gedanken bestätigt, dass eine wirklich grundlegende und perspektivische Veränderung zum Besseren im Systembereich nicht ohne eine bestimmte, bedeutsame Bewegung in der Sphäre des Bewusstseins auskommen wird und dass sie also nicht durch einen bloßen „organisatorischen Trick“  sichergestellt werden kann: ich kann mir nur schwer vorstellen , dass ein solches System, wie ich es hier kurz zu beschreiben versucht habe, entstehen könnte, ohne dass das geschieht, was ich die „Besinnung des Menschen“ nenne. Das wird wahrlich kein Revolutionär oder Reformator einführen – das kann nur die natürliche Äußerung eines allgemeinen Zustands des Denkens sein. Nämlich eines solches Zustands, in dem der Mensch weiter sieht als bis zu seiner eigenen Nasenspitze und imstande ist – angesichts der Ewigkeit – Verantwortung auch für das zu übernehmen, was ihn unmittelbar nicht betrifft, und etwas von seinem partikulären Interesse dem allgemeinen Interesse zu opfern. Ohne diese Mentalität wird auch das scharfsinnigste Systemprojekt unnütz sein.

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