

Ich glaube nicht, dass wir uns für unsere Heimat entscheiden.
In ein anderes Land zu ziehen, eine andere Sprache zu lernen, eine Partei zu wählen, mögen Entscheidungen sein. Uns heimisch zu fühlen nicht.
Natürlich gefällt uns die Vorstellung, die Heimat selbst bestimmen zu können. Dennoch glaube ich, dass die Selbstbestimmung etwas Nachträgliches ist. Zuerst entsteht das Gefühl von Heimat, dann das Bekenntnis dazu.
Für unsere Gefühle entscheiden wir uns nicht.
Der politische Heimatbegriff
Sicher ist es kein Zufall, dass emotionsgeladene Begriffe wie Heimat, Freiheit und Gerechtigkeit schillernde Karrieren in der Politik zurücklegen.
Traditionell gehört der Heimatbegriff zum Standardrepertoire rechter Parteien. Nach ihrer Vorstellung bildet sie das Deutschland einer exklusiven Gruppe von Menschen, der man nicht einfach beitreten kann. Weder der Besitz eines deutschen Passes noch die Geburt in Deutschland, oder das Beherrschen der deutschen Sprache schließen einen in diesem Heimatbegriff mit ein. Für Rechte ist Heimat ein hermetisch geschützter Kern. Zutritt wenigen erlaubt.
Interessanterweise taucht in den Debatten Heimat immer dann auf, wenn ihre Wächter sie bedroht sehen. Plötzlich ruft die rechte Rhetorik zu den Waffen, um ihre Heimat gegen Migranten, Muslime, Wischiwaschi Linke zu verteidigen.
Gefahr ist die ständige Begleiterin der Heimat.
Die Überfremdung, die Verrohrung der Kultur oder die drohende Islamisierung. Wohin das rechte Augen schaut, lauert Gefahr.
Liberale und Heimat
Weiter in der Mitte der Gesellschaft werben liberale Kräfte für einen freiheitlichen Heimatbegriff. Sie paaren Heimat mit Freiheit. Problemlos kehren sie das negative „gegen“ der Rechten in ein positives „für“ um. Das liberale Credo lautet: Jeder entscheidet selbst, was für ihn oder sie Heimat bedeute.
In der Welt der Liberalen treffen wir Heimat als eine Frage persönlicher Entscheidungen an. Man könnte diese politische Bewegung deshalb als die inklusive Gruppe bezeichnen. Sie nimmt jeden auf, der sich dafür entscheidet, mitzumachen. Wenn ich das Gefühl habe, Deutschland ist meine Heimat, wer hat das Recht, mir dieses Gefühl wegzunehmen? Für Liberale ist Heimat ein offener Kern. Zutritt allen erlaubt.
So haben vor allem liberale Kräfte die Integration als politisches Konzept der letzten Jahrzehnte vorangetrieben. Sie glaubten, wenn Menschen die Sprache lernen, einer Arbeit nachgehen und im Bildungssystem aufsteigen, können sie besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich letztlich eher für Deutschland entscheiden: für ihre Heimat. Diese Hoffnung bildet das Kerngeschäft der Integrationspolitik
Integration und Heimat
Rechte und Liberale mögen unterschiedliche Vorstellungen von Heimat haben, eine Sache eint sie: Der Glaube an einen Kern, in den sich die Fremden integrieren sollen (Liberale) oder nicht können (Rechte).
Beide politische Bewegungen behandeln die Fiktion „Deutsche/r“ als eine faktische Tatsache. Beide nehmen ihre Geschichte allzu ernst.
Nationen und die dazugehörigen Identitäten sind erfundene Geschichten. Egal, wie ernst man sie nimmt. Deutschland kannst du nicht auf die Wange küssen, nicht über die Glatze streichen. Vor vierhundert Jahren gab es nicht mal die Fiktion Deutschland. Und dennoch tun wir so, als redeten wir über etwas Naturgegebenes, in das man sich integrieren könne. Kann man nicht.
Die völkische Geschichte von Heimat schließt zurzeit ein Viertel ihrer Bevölkerung aus. Die liberale Geschichte schließt dieses Viertel unter der Bedingung seiner Integration ein. Doch wenn es keinen Kern gibt, wohin integriert man sich eigentlich?
Wo Geschichten scheitern
In einem Wirtschaftssystem, das auf dem Wettbewerb angelegt ist, bedeutet die Integration der Liberalen letztlich, Kompetenzen erwerben, um auf dem Arbeitsmarkt zu überleben. Integration ist kein gesellschaftspolitisches Konzept, sondern ein wirtschaftliches.
So können hohe Bildung, gute Sprachkenntnisse und der gesicherte Arbeitsplatz (Grundpfeiler der Integrationspolitik) einem helfen, im Arbeitsmarkt aufzusteigen, mehr Geld zu verdienen und bessere Positionen zu ergattern.
Tatsächlich ermöglicht die Integration mehr Teilhabe. Ob man jedoch teilnimmt, ist eine Frage, die mit dem Gefühl der Heimat zusammenhängt. Aufstieg schenkt dir dieses Gefühl nicht. Aufstieg schenkt dir Aufstieg.
Während meines Studiums wurde mir das am eindrücklichsten bei einer Veranstaltung junger Migranten klar. Dort traf ich Medizin-, Jura-, Germanistikstudentinnen, die in einem Safe Space ihre Rassismus-Erfahrungen teilten, bis die Veranstalterin irgendwann sagte:
„Ich will mit Deutschen nichts mehr zu tun haben.“ Heute noch spüre ich die Traurigkeit, die diese junge Frau umfing. Sie kam mir wie eine Person vor, die es lange versucht hatte und es schließlich satthatte.
Jene Integrierten, Hoffnung der Liberalen, Angst der Rechten, kapselten sich ab. Sie haben gekämpft, es aufrichtig versucht, ihre Auflagen erfüllt, sind die Bildungsleiter aufgestiegen, um in den Heimatkern einzudringen. Nur kamen sie nie an. So saßen beieinander, trösteten sich, pflegten ihren Zorn.
Wo Geschichten scheitern, erwacht die Wut.
Vor kurzem traf ich eine junge Schriftstellerin, die für ihre Romane einige wichtige Preise erhalten hatte. Sie erzählte mir vom latenten Rassismus im Literaturbetrieb, davon, wie man ihre Bücher allzu gern als migrantisch exotisiert, so tut, als würde sie nicht von Deutschland erzählen. Im Laufe des Abends sagte sie plötzlich: „Ich hasse Deutsche.“
Da war sie wieder: die Wut. Sang mir ein Lied zu Integration.
Meine Tante
Als meine Tante nach Deutschland auswanderte, packte sie ihre Heimat in einem Koffer. Auswanderer neigen oft zum Konservativismus, weil sie Angst haben, ihre Identität zu verlieren. Alles, was ich von Iran weiß, weiß ich von meiner Tante. In ihrer kleinen Wohnung beging sie alle iranischen Feiertage, um die Erinnerung an ihre Heimatfiktion zu bewahren.
Meine Tante, die sich immer so fremd in Deutschland fühlte, die die Sprache immer nur gut genug beherrschte. Meine Tante, die ich ständig über diese Heimat in ihrem Koffer ausfragte, um Teil ihrer Geschichte zu werden, die ich mir nie selbst erzählen konnte. Meine Tante, die ständig überlegte, zurückzukehren, die Heimat aus der Gefangenschaft ihres Koffers zu befreien, das Leben auf der Durchreise zu beenden.
Doch sie blieb.
Zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort kommen wir mit bestimmten Menschen in Berührung, die uns formen, uns das Gefühl der Heimat vermitteln. Dort lieben und hassen wir. Siegen und scheitern wir. Lachen und weinen wir. Zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort passieren diese Dinge mit bestimmten Menschen.
Und ein Gefühl erwacht.
Vor ein paar Monaten fragte ich meine Tante, ob sie immer noch in den Iran zurückwolle und sie machte diese wegwerfende Geste, als würde sie Traumbilder verscheuchen „Ich komme mit Iranern nicht mehr klar.“ Sie lächelte und sagte: „Deutschland ist jetzt unsere Heimat.“
Ich glaube nicht, dass wir uns für unsere Heimat entscheiden.
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Meine Freundin P, aus Iran, die lange Zeit davon träumte, wieder zurückzugehen oder zumidest wieder in der Nähe des Irans zu leben, hat vor einigen Jahren (sie ist Pädagogin) begonnen in der Flüchtlingsbetreung zu arbeiten – und das, sagt sie, und klingt fast selbst erstaunt darüber, das hat mich näher zu Deutschland gebracht. Sie sagt es mit Ausrufezeichen. Und bleibt. Hier. In ihrer deutschen Heimat. – Danke für Deine Texte, Deine Gedanken, Reflexionen, Erinnerungen, Erzählungen des Hier und Jetzt, sie eröffnen meinem Kopf und Herz neue Türen, Fenster und Wege. Ich werde weiter hier lesen. Grüße. Eva