

Welcher Glaube setzt sich durch?
Heute glauben wir alle an die Gleichheit und deshalb sind wir auch alle tolerant. Im Mittelalter beispielsweise nannte man ausschließlich Adlige »Herr« und »Frau«. In unserer Zeit nennen wir alle erwachsenen Menschen so. Doch dass wir an die Gleichheit der Menschen glauben, war natürlich nicht immer so. An einem bestimmten Zeitpunkt drehte sich das Rad der Geschichte und alle glaubten plötzlich etwas komplett anderes. Doch wie kommt es, dass sich bestimmte Geschichten durchsetzen und andere nicht?
Nun, das ist schwer zu sagen und hat viel mit historischen Zufällen zu tun. Eine Sache ist jedoch gewiss. Geschichten ändern sich nicht, weil uns die richtigen Argumente dazu zwingen. Die Idee, dass wir Menschen alle gleich sind, findet sich von der Antike bis in die Aufklärung und weit danach in vielen anderen Kulturen. Dieselben Argumente, die wir heute so selbstverständlich anführen, als seien sie total neu, sind eigentlich ziemlich alt. Doch erst heute glauben wir an sie.
Es kann mitunter Jahrtausende dauern, bis die Menschen bereit sind, ein Argument anzunehmen. Mit Rationalität hatte das wenig zu tun.
Die Mächtigen dürfen erzählen
Ob es eine starke Minderheit oder eine starke Mehrheit ist, am Ende erzählen die Mächtigen ihre Geschichte.
Als arische Stämme vor dreitausend Jahren in Indien einfielen, erfanden sie das Kastensystem. Weil sie den Einheimischen zahlenmäßig unterlegen waren, fantasierten sie sich eine interessante Geschichte zusammen, um ihren Machterhalt zu sichern. So teilten sie Menschen in unterschiedlichen Gruppen ein, mit eigenen Berufen, Gesetzen, Privilegien und Pflichten. Nur eine kleine Minderheit gehörte der oberen Kaste an. Und je weiter es abwärts ging, umso größer und ärmer wurde die Gruppe. Vermischungen untersagte man streng, um die Kaste rein zu halten. Viele Hindus glauben immer noch, dass sie unrein werden, wenn sie sich mit einem aus der unteren Kaste vermählen.
In diesem Fall hat eine mächtige Minderheit ihre Geschichte durchgesetzt. Das Kastensystem ist ein System der Ungleichheit, an das Millionen von Menschen felsenfest glauben. Selbst jene, die am meisten darunter leiden. Oft glauben sie sogar am stärksten daran.
Eine Geschichte muss nicht fair sein, damit man an sie glaubt.
Aus der Literatur wissen wir: Eine Geschichte muss nur funktionieren.
In der Demokratie herrscht die Mehrheit und so erzählt sie ihre Geschichte. Die liberale Demokratie, wie wir sie kennen, setzte mit dem Verschwinden des Adels und der Monarchien ein. An ihre Stelle trat das Ideal des Kaufmannes, der frei nach Belieben mit jedem handeln kann, der das nötige Geld besitzt. So begann der Aufstieg des Kapitalismus. Weil der Handel keine Stände kennt und viel besser mit vielen Kaufleute als mit nur einem Monarchen funktioniert, erschuf er eine neue Geschichte:
Die Geschichte der Gleichheit.
Erst galt sie nur für weiße Männer, aber nachdem der Samen gesät war, konnte man ihn mit der Zeit auf alle anderen übertragen. Bürgerrechtsbewegungen, die Erklärung der Menschenrechte, der Feminismus und die Antidiskriminierungskampagnen gründen auf eben dieser Geschichte. Keine der beiden obengenannten Geschichten war je naturgegeben. Beide sind erfunden und beide bestimmen das Leben vieler Menschen. Die eine Geschichte will die Ungleichheit, die andere die Gleichheit. Der Zufall und die Macht setzten beide Geschichten durch.
7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Ich möchte mehr von Ihren nieder geschrieben Zeilen lesen! Das ist ein sehr interessantes Thema. Ich bin froh, dass ich über Rebel Comedy, auf Sie gestoßen bin. Ich war nie ein Bücher Fan, wie auch, wenn es mir niemand gezeigt hat (meine Eltern) meine Mutter ist Deutscher Herkunft, und mein Vater ist libanese mit palästinensischen Wurzeln. Ich habe mir vorgenommen, mehr zu lesen. Und ich möchte auf jeden Fall, etwas was Sie geschrieben haben lesen!
Ich freue mich, dass du deinen Weg zu uns gefunden hast. Und dass wir deine Lese-Freude geweckt haben, ist natürlich wunderbar. Wir werden noch in diesem Jahr ein Literaturrubrik hinzufügen, in der Babak und ich über Bücher diskutieren. 🙂
Dankeschön für diesen sehr interessanten Artikel,wenn man sich mit dem Thema “Nationen”, im historischen und philosphischen Bereich auseinandersetzt, kommt man genau zu diesen Kernpunkten, die Sie beschrieben haben.
Ich freue mich auf weitere Artikel.
Liebe Grüße 🙂
Also erst einmal: Ich schätze eure Arbeit hier sehr. Ich finde, dass ihr sehr talentierte Schreiber seid und auch die richtigen Themen aufgreift. Damit meine ich nicht nur die gesellschaftlichen Themen. Ich habe auch einige Artikel Babaks gelesen und bin schlichtweg begeistert. Und falls ihr das nicht glaubt: ich schreibe das zweite Mal auf dieser Seite einen Beitrag. Ich schreibe sonst NIE irgendwo irgendetwas.:D Ganz einfach deswegen, weil mich nichts dazu bewegt. Ich glaube, das ihr hier wirklich etwas besonderes macht und wirklich für die „Literatur der neuen Generation“ sorgt und auch dafür sorgt, dass Leute nach einem Artikel zum Denken angeregt werden.
Über das Thema des Artikels habe ich mir vor längerem einmal Gedanken gemacht. Dabei war der ausschlaggebende Denkanstoß nicht die Frage der hier lebenden Menschen mit Migranionshintergrund, die meistens erst in der 2./3. Generation hier leben, sondern der nahe Osten und dem damals beginnenden Syrienkrieg. In dieser kompletten Region leben seit Generationen Menschen, die sich nicht nur über die Nationalität definieren. Innerhalb ihrer Nationalität definieren Sie sich über Religion oder Sprache, die auch innerhalb eines Landes unterschiedlich sein kann. Und wenn sie dann auch noch die selbe Sprache und/oder Religion teilen, fangen sie an sich über ihre Herkunftsstadt und dann wiederum ihre Familienstämme zu definieren. Dadurch entstehen immer diffusere kleine Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt und die sich früher oder später gegenüberstehen. Sei es in Frieden oder Krieg.
Migranten in Deutschland werden wie in dem Artikel beschrieben weder in der „deutschen“ Gesellschaft als wirklich deutsch wahrgenommen, noch in der „ausländischen“ Gesellschaft der jeweiligen Heimatländern. Was folgt, ist die Bildung einer dritten Gruppe.
Ich bin also zu dem Schluss gekommen, dass Menschen aus irgendeinem Grund das Verlangen haben einer Gruppe anzugehören, die Ähnlichkeiten mit einem selbst aufweisen. Das wiederum widerspricht doch unserem eigentlichen Verlangen, uns individuell zu entwickeln und einzigartig zu sein. So wie es doch die „aktuelle“ Ordnung eigentlich vorgibt. Wir wollen also individuell sein, aber nicht zu individuell, um dennoch einer Gruppe anzugehören und so nicht in eine „Identitätskrise“ zu gelangen. Wir wollen am Ende des Tages genügend Gemeinsamkeiten mit einer Gruppe haben, um nicht zu vereinsamen. Der Mensch ist schließlich doch ein soziales Wesen. Daher glaube ich nicht, dass es einfach nur reicht neue Geschichten zu erzählen, so wie es hier postuliert wird. Es gibt nämlich mindestens so viele Geschichten wie es Menschen gibt. Daran mangelt es nicht. Ich glaube viel mehr, dass man gemeinsam neue Geschichten schreiben muss. Erst so gewinnt man Gemeinsamkeiten und kann eine „neue Gruppe“ bilden, die nichts mit Nationalität oder Sprache zu tun hat.
Ich glaube, sowohl deiner Analyse, dass wir ein Verlangen nach Identifikation haben, um einer Gruppe anzugehören, als auch das daraus resultierende Widerspruch, einem gänzlich individuellen Menschen zu entsprechen, stimme ich vollkommen zu und ist auch Thema anderer Artikel (Stichwort:liberaler Humanismus). Doch mit einer neuen Geschichte erzählen, ist eben dieses gemeinsame Schreiben gemeint. Falls es so rüber gekommen ist, dass hier wieder eine neue Gruppe entstehen soll, die seine eigene Suppe kocht, dann war ich missverständlich. Ich postuliere das auch nicht, sondern denke, dass wir eine neue Geschichte gerade ohnehin schreiben. Wir sollten uns das aber bewusst werden und schauen, was für gemeinsame Geschichten wir wollen. Danke für deine anregenden Posts. Wir wissen das sehr zu schätzen.
Wo kann man euch folgen. Ihr schreibt toll !
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