

Wer ist ein Deutscher?
Identitäten sind erfundene Geschichten.
Nationen sind erfundene Geschichten.
Und zusammen werden sie zu einer komplizierten Geschichte. In Deutschland kennen wir das schon ziemlich lange. Wir sind mehr als achtzig Millionen Menschen, kein einziger gleicht dem anderen, trotzdem sind wir vor dem Gesetz alle Deutsche.
„Ja, vor dem Gesetzt vielleicht, aber nicht im wirklichen Leben“, sagen meine Freunde gerne und natürlich haben sie recht. Weil in Demokratien oft viele Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern vertreten sind, scheint es zu einer Vermischung der Geschichten zu kommen.
Hierzulande nennen wir das Integrationsdebatte.
Gern wird behauptet, dass die hier lebenden Migranten ein Identitätsproblem hätten. Türken, die in Deutschland leben, werden weder hier noch in der Heimat ihrer Eltern als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert. Verwirrt fragen sie sich: Bin ich Türke oder Deutscher? Marokkaner oder Deutscher?
Hitzig diskutieren Talkshows, welche Seite stärker für die Identitätskrise verantwortlich ist. Ist der deutsche Staat schuld oder die Eltern der Migranten? Müsste sich die Politik verändern oder eher die Familie?
In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um ein Scheinproblem. Da Identitäten erfundene Geschichten sind, kann niemand seine nationale Identität rational begründen. Versucht es mal.
Sagen wir, ihr seid in Deutschland geboren, eure Eltern sind auch hier geboren und ihre Eltern ebenfalls. Bei den Urgroßeltern wird es schwierig. Bei den Ururgroßeltern noch schwieriger. Was wenn sich in der Generationskette plötzlich ein Pole, Italiener oder Spanier findet? Identitätskrise? Zählt das nicht? Nein? Warum nicht?
Im Dritten Reich nannte man diese Methode Ahnennachweis. Man prüfte auf mehrere Generationen hin, ob man auch wirklich ein waschechter Deutscher war.
Leider kann man das Spiel nicht allzu weit treiben. Denn Nationen sind gerade mal ein wenig älter als zweihundert Jahre. Davor gab es kein Deutschland, wie wir es kennen. Deutschland bestand aus vielen Fürstentümern, die sich gegenseitig hassten und bekriegten.
Ich frage nicht, wenn du nicht fragst.
Warum steckt also nicht die Mehrheit der Deutschen deshalb in einer Identitätskrise? Tja, so funktionieren eben vorherrschende Geschichten. Solange die Mehrheit so tut, als ob ihre nationale Identität gegeben ist und nie in Frage stand, bröckelt die Identität nicht. Alle tun so, als ob sie schon immer Deutsche waren. Nach dem Motto: Ich frage nicht, wenn du nicht fragst.
Menschen mit mehr als nur einer Geschichte werden ständig gefragt, woher sie kommen. Dass sie keine Deutschen sind, setzt man einfach voraus. Viele wundern sich, wenn diese Leute sich über die Frage ärgern.
„Ist doch nicht so schlimm. Meinte es ja nicht böse.“
Die Mehrheit findet eben, dass alle Menschen nur eine einzige nationale Identität besitzen sollten. Das ist die Geschichte, die sie sich erzählen. Auf der Landkarte sieht man es doch auch. Klar getrennte Gebiete. Da ist Afghanistan. Dort ist Iran. Hier ist Deutschland.
Diese Geschichte scheint heute immer weniger zu funktionieren. Deutscher sein, kann auch heißen, gleichzeitig Türke, Afghane und Iraner zu sein. Warum auch nicht? Schließlich können wir auch Mutter, Freundin, Managerin und Hobbypianistin zugleich sein und niemand würde von einer Identitätskrise sprechen.
Die neue Geschichte über Deutschland haben wir schon längst angefangen zu erzählen. Diese Geschichte hat sich noch nicht durchgesetzt. Aber wer weiß. Wie gesagt, die erfundene Ordnung ist ziemlich instabil. Was wir gestern glaubten, kann sich morgen schon verändern. Dann fängt eine neue Geschichte an.
7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Ich möchte mehr von Ihren nieder geschrieben Zeilen lesen! Das ist ein sehr interessantes Thema. Ich bin froh, dass ich über Rebel Comedy, auf Sie gestoßen bin. Ich war nie ein Bücher Fan, wie auch, wenn es mir niemand gezeigt hat (meine Eltern) meine Mutter ist Deutscher Herkunft, und mein Vater ist libanese mit palästinensischen Wurzeln. Ich habe mir vorgenommen, mehr zu lesen. Und ich möchte auf jeden Fall, etwas was Sie geschrieben haben lesen!
Ich freue mich, dass du deinen Weg zu uns gefunden hast. Und dass wir deine Lese-Freude geweckt haben, ist natürlich wunderbar. Wir werden noch in diesem Jahr ein Literaturrubrik hinzufügen, in der Babak und ich über Bücher diskutieren. 🙂
Dankeschön für diesen sehr interessanten Artikel,wenn man sich mit dem Thema “Nationen”, im historischen und philosphischen Bereich auseinandersetzt, kommt man genau zu diesen Kernpunkten, die Sie beschrieben haben.
Ich freue mich auf weitere Artikel.
Liebe Grüße 🙂
Also erst einmal: Ich schätze eure Arbeit hier sehr. Ich finde, dass ihr sehr talentierte Schreiber seid und auch die richtigen Themen aufgreift. Damit meine ich nicht nur die gesellschaftlichen Themen. Ich habe auch einige Artikel Babaks gelesen und bin schlichtweg begeistert. Und falls ihr das nicht glaubt: ich schreibe das zweite Mal auf dieser Seite einen Beitrag. Ich schreibe sonst NIE irgendwo irgendetwas.:D Ganz einfach deswegen, weil mich nichts dazu bewegt. Ich glaube, das ihr hier wirklich etwas besonderes macht und wirklich für die „Literatur der neuen Generation“ sorgt und auch dafür sorgt, dass Leute nach einem Artikel zum Denken angeregt werden.
Über das Thema des Artikels habe ich mir vor längerem einmal Gedanken gemacht. Dabei war der ausschlaggebende Denkanstoß nicht die Frage der hier lebenden Menschen mit Migranionshintergrund, die meistens erst in der 2./3. Generation hier leben, sondern der nahe Osten und dem damals beginnenden Syrienkrieg. In dieser kompletten Region leben seit Generationen Menschen, die sich nicht nur über die Nationalität definieren. Innerhalb ihrer Nationalität definieren Sie sich über Religion oder Sprache, die auch innerhalb eines Landes unterschiedlich sein kann. Und wenn sie dann auch noch die selbe Sprache und/oder Religion teilen, fangen sie an sich über ihre Herkunftsstadt und dann wiederum ihre Familienstämme zu definieren. Dadurch entstehen immer diffusere kleine Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt und die sich früher oder später gegenüberstehen. Sei es in Frieden oder Krieg.
Migranten in Deutschland werden wie in dem Artikel beschrieben weder in der „deutschen“ Gesellschaft als wirklich deutsch wahrgenommen, noch in der „ausländischen“ Gesellschaft der jeweiligen Heimatländern. Was folgt, ist die Bildung einer dritten Gruppe.
Ich bin also zu dem Schluss gekommen, dass Menschen aus irgendeinem Grund das Verlangen haben einer Gruppe anzugehören, die Ähnlichkeiten mit einem selbst aufweisen. Das wiederum widerspricht doch unserem eigentlichen Verlangen, uns individuell zu entwickeln und einzigartig zu sein. So wie es doch die „aktuelle“ Ordnung eigentlich vorgibt. Wir wollen also individuell sein, aber nicht zu individuell, um dennoch einer Gruppe anzugehören und so nicht in eine „Identitätskrise“ zu gelangen. Wir wollen am Ende des Tages genügend Gemeinsamkeiten mit einer Gruppe haben, um nicht zu vereinsamen. Der Mensch ist schließlich doch ein soziales Wesen. Daher glaube ich nicht, dass es einfach nur reicht neue Geschichten zu erzählen, so wie es hier postuliert wird. Es gibt nämlich mindestens so viele Geschichten wie es Menschen gibt. Daran mangelt es nicht. Ich glaube viel mehr, dass man gemeinsam neue Geschichten schreiben muss. Erst so gewinnt man Gemeinsamkeiten und kann eine „neue Gruppe“ bilden, die nichts mit Nationalität oder Sprache zu tun hat.
Ich glaube, sowohl deiner Analyse, dass wir ein Verlangen nach Identifikation haben, um einer Gruppe anzugehören, als auch das daraus resultierende Widerspruch, einem gänzlich individuellen Menschen zu entsprechen, stimme ich vollkommen zu und ist auch Thema anderer Artikel (Stichwort:liberaler Humanismus). Doch mit einer neuen Geschichte erzählen, ist eben dieses gemeinsame Schreiben gemeint. Falls es so rüber gekommen ist, dass hier wieder eine neue Gruppe entstehen soll, die seine eigene Suppe kocht, dann war ich missverständlich. Ich postuliere das auch nicht, sondern denke, dass wir eine neue Geschichte gerade ohnehin schreiben. Wir sollten uns das aber bewusst werden und schauen, was für gemeinsame Geschichten wir wollen. Danke für deine anregenden Posts. Wir wissen das sehr zu schätzen.
Wo kann man euch folgen. Ihr schreibt toll !
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