

Ich habe mich gefreut, als die Schule vorbei war.
Es war nicht so, dass ich eine besonders schlimme Zeit hinter mir hatte oder eine vielversprechende Zukunft vor mir. Ich war einfach nur froh, nicht mehr hingehen zu müssen.
Hat man dreizehn Jahre lang die Schulbank gedrückt, kommt einem die anfängliche Begeisterung mit der riesigen Schultüte wie ein einziger großer Fehler vor.
„Bildung ist alles“ – das hörte ich als Kind oft. Und irgendwie würden wir alle diesen Satz unterschreiben.
Im zarten Alter von einem Jahr treten wir ein in die Welt der Bildungsinstitute. Am Ende der Schulzeit erwarten die Eltern, einen gebildeten Bürger herauszubekommen. Nach mehr als einem Jahrzehnt drückt man uns ein Stück Papier in die Hand, auf dem Zahlen stehen, deren Durchschnitt unsere Schulleistung zusammenfasst. Verlängern wir unseren Aufenthalt in der Bildungsmaschinerie um drei bis sechs Jahre, kriegen wir weitere Papiere mit weiteren Zahlen und weiteren Durchschnittswerten.
Mit dem Zeugnis in der Tasche ist aus dem Einjährigen nun ein gebildeter Bürger geworden. Seine Noten dienen ihm als Ausweis für den Arbeitsmarkt.
Mission abgeschlossen.
Doch wie kommen wir eigentlich auf Noten? Und was hat das mit Bildung zu tun?
Noten oder der Wert des Schülers
Bis ins 19. Jahrhundert kam niemand auf die seltsame Idee, Zahlen für die Bewertung einer Leistung zu verwenden. Wie sollte das auch gehen? Welche Kriterien sollten darüber entscheiden, dass mein Verständnis von der Renaissance die Note 3 anstatt 4 verdient?
Heute vergibt man wie verrückt Noten, und jeder scheint sich ein anderes System zu suchen: In China reichen sie von 1 bis 100, in Iran von 1 bis 20, in Italien von 1 bis 10, in Chile von 1 bis 7.
Ab dem Augenblick, als man anfing, Schüler anhand von Noten zu bewerten, veränderte sich das Leben von Abermillionen Menschen dramatisch.
Schulnoten setzten sich Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Industriezeitalter durch. Die Wirtschaft, das Militär und die Wissenschaft begannen, in exakten Zahlen zu denken. Das sorgte in vielen Bereichen für eine bessere Arbeitsweise und eine gesteigerte Effizienz. Schnell gewöhnten sich alle an die Sprache der Mathematiker.
Mit der Vermessung der Welt begann die Vermessung der Menschen.
Denn wenn es in Fabriken so gut funktionierte, warum nicht auch an Schulen? Plötzlich machte es doch Sinn, Leute zu benoten. Daraufhin zogen Universitäten und Schulen nach. Der Notendurchschnitt avancierte zum wichtigsten Mittel, um den Wert des Schülers herauszufinden.
Menschen eine Zahl zuzuweisen, ist einfacher und übersichtlicher, als für jedes Kind ein komplexes Profil zu erstellen. Aber ist es der beste Weg?
Reinfressen und auskotzen
Immer wenn ich eine Schule betrete, habe ich den Eindruck, in einer Fabrik gelandet zu sein. Fantasielose Gänge, die sich nach links und rechts in kleinen Klassenräumen verästeln. Müde Lehrer, die über ihr schreckliches Los meckern. Erschöpfte oder überdrehte Schüler, die nur darauf warten, nach Hause gehen zu dürfen.
Kinder haben pünktlich um 8 Uhr in der Klasse zu erscheinen und im 45-Minutentakt hetzen sie dann durch den Lehrplan. Von einem Fach zum anderen. Inzwischen wissen wir, dass 95 % des Lernstoffs kurz nach einer Klausur wieder vergessen wird. Wenn die Schulzeit vorbei ist, wisst ihr nicht mal mehr, ob ihr den Scheiß je gemacht habt.
Bulimie-Lernen nennen das Lernforscher: reinfressen und auskotzen. Währenddessen werden wir ununterbrochen in Fächern benotet, die uns im Grunde nicht interessieren.
Eine Kombination aus starren Lehrplänen, rigiden Verhaltensregeln, stundenlangem passivem Zuhören und dem Fehlen jeder Mitbestimmung charakterisiert die Schulzeit als strenges Regiment. Das Abspulen von Fachwissen bringt in der Schule mehr ein als Originalität und selbstständiges Denken. Der Standardsatz, man brauche das für später, ist selbst bei Lehrern ein Running Gag.
Das einzige, was die Kinder wirklich für ihre Zukunft mitnehmen, ist gehorsames Verhalten. Jahre fremdbestimmter Aufgabenbewältigung sind eine gute Vorbereitung auf Gehorsam am Arbeitsplatz. Was uns endlich zu der Frage nach der Bildung führt und zu einem gewissen Herrn Humboldt.
Ist das Bildung?
Als Wilhelm von Humboldt am 29. April 1810 sein Amt hinschmiss, hatte er vierzehn Monate lang alles für sein Bildungsideal gegeben und war kläglich gescheitert. Er sollte im preußischen Königsberg ein komplett neues Bildungssystem auf die Beine stellen. Sein selbstgesetztes Ziel war: alle Kinder zu mündigen Staatsbürgern heranwachsen zu lassen.
Was als ehrgeiziges Projekt begann, sollte leider in einer Katastrophe enden. Während Humboldt aus den Kindern selbstbestimmte Individuen machen wollte, bevorzugte der preußische König gehorsame Untertanen. Selbstbestimmte Bürger? Ich bitte euch.
Zweihundert Jahre später reden Schuldirektorinnen gerne vom „Humboldtschen Bildungsideal“, als hätten wir es endlich geschafft. Doch haben wir das wirklich?
Für Humboldt war Bildung Persönlichkeitsentwicklung.
Schulen sollten Kindern helfen, selbstständig zu lernen. Dass bei dieser Entwicklung Noten fehl am Platz sind, versteht sich eigentlich von selbst. Denn sie gefährden den wichtigsten Teil von Lernentwicklungen, nämlich den Prozess.
Jedes Lernen ist ein Prozess.
Noten greifen in den Lernprozess ein und bewerten eine momentane Situation. Damit fixieren sie die Entwicklung. Wären Noten nur Abbild einer bestimmten Lernstufe, ohne jede Konsequenz für die Zukunft der Schüler, wären sie kein besonders großes Problem. Wobei sie lernpsychologisch zu den eher schlechteren Methoden gehören. Darauf komme ich aber noch. Verheerend an Noten ist aber, dass sie auf Zeugnissen stehen, und Zeugnisse bestimmen darüber, ob wir unseren Bildungsweg fortsetzen können.
Damit werden Noten zum Selbstzweck.
Es geht nur noch um sie. Nicht um Persönlichkeitsentwicklung.
Es ist kein Zufall, dass sich Schüler und Studenten oft nur für die Frage interessieren, welches Wissen für die Klausur relevant ist.
Man lernt das, was eine gute Note verspricht. Das nennen wir dann Bildung
7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Ich stimme jedem Deiner Worte zu, aber die Erkenntnis ist ja nicht neu. Ich frage mich, was kann man tun, damit sich tatsächlich etwas ändert. Meine beiden Kinder haben das Gymnasium nach der 11. Klasse beendet, nicht aus Überforderung sondern schlicht aus der Erkenntnis heraus, dass dies nicht der Weg sein kann. Sie waren nicht länger bereit, sich diesem Bewertungssystem zu unterwerfen. Allerdings wird es für Beide mit dieser Entscheidung nicht unbedingt leichter, denn dieses Papier, auf dem mit Zahlen festgeschrieben steht, wie hoch der Marktwert ist, hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Sie werden ihn finden, ihren Weg, ganz sicher, weil sie über Kompetenzen verfügen, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt aber leider kenne ich auf viele, die daran zerbrochen sind. Rückblickend wünschte ich, ich hätte genug Mum gehabt und ihnen dieses Schulsystem erspart, wenn nötig auch durch Auswanderung. Aber so ist das mit den Rückblicken und was man hätte ändern können. Aber den Zukünftigen, denen wünsche ich, dass sie Lernen als das empfinden dürfen, was es eigentich auch ist, ein großes Abenteuer.
Vielen Dank
Hey Christina. Ursprünglich wollte ichauf diesen Punkt von dir auch mehr eingehen, dann wurde der Artikel aber zu lang. Denn die Macht der Noten und Zeugnissen ist in Deutschland gewaltig und wird gern als “Kompetenzbeweis” betrachtet. Der Arbeitsmarkt erwartet diese Dokumente und das gibt dem Bildungssystem auch soviel Macht. Der einzige Weg, meines Erachtens, besteht darin, dass Bildungssystem komplett neu zu überdenken und uns zu fragen, wie können wir ein Bildungssystem aufbauen, das nicht Kinder nach Noten abstempelt und damit so tut, als würde es ihren “Wert” auf dem Arbeitsmarkt lizenzieren. Lieben Dank für deine Gedanken.
Ich bin Lehrerin an der “höchsten” schulischen Bildungseinrichtung, dem Gymnasium, und kotze jeden Tag. Klassismus ist der Begriff und das Phänomen, das alles zusammenfasst, was du geschrieben hast. Das dreigliedrige Schulsystem und die Noten der lebende Beweis, das manifestierte, umgesetzte Prinzip des Leistungsdrucks, der Diskriminierung und der Standardisierung. Zeit ist Geld. Individualität und Kreativität braucht keine Volkswirtschaft und was soll diese naive Vision von “Wir sind alle gleichwertig.”? Alles unökonomischer BS!
Es macht Menschen kaputt. Und dabei steht in der bayerischen Verfassung z.B. dass mit Bildung nicht die pure Vermittlung von starren Wissensbeständen gemeint ist, sondern die Herzens- und Charakterbildung. Also, let’s do it! Macht man das als LehrerIn stößt man sehr schnell auf bürokratischen und autoritären Widerstand. Denn das Schulsystem als solches ist gerade zu absolutistisch aufgebaut. Geradezu faschistoid. Und steht dem eigentlichen Bildungskonzept nach Humboldt diametral entgegen.
Nicht Bildung, denn der Begriff ist passend, nein, das System Schule gehört von Grund auf neu gedacht und umgesetzt. Das was jetzt ist, bildet nicht. Es zerkrümmelt, zerbröselt, zermürbt, zerstört, das was jedes Individuum stark, schön und einzigartig macht. Was auch immer es für jeden Einzelnen und jede Einzelne sein mag.
Danke für deinen Beitrag!
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen 🙂 Danke!
Made my day!:)
Selektionsfunktion, Legitimationsfunktion und Qualifikationsfunktion. Das sind die Funktionen der Institution Schule nach Fend. Noten dienen der Selektionsfunktion – das weiß jeder Pädagoge; es ist kein Geheimnis; würde man eine Umfrage unter LehrerInnen machen, würden wohl die meisten “Leistungsbewertung” als die unbeliebteste und unangenehmste Aufgabe nennen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft kann aber ohne Selektion nicht existieren; sie muss irgendwie “Ungebildete” , “Mittelgebildete” und “Gebildete” schaffen. Man muss Schule in erster Linie als Institution betrachten und dann kommt man ganz schnell zu ihren Grenzen, wenn es um die Möglichkeiten der Bildung geht. Schulen werden in ihren Unterrichtsinhalten und -methoden oft kritisiert; von allen Seiten: der Industrie, Wirtschaft allen voran, der Dichter und Denker… . Doch man hat meist nur die eine Perspektive (meist noch die des Schülers; nicht dass sie unwichtig wäre) und kann die pädagogische Perspektive nicht wirklich einnehmen. All die Kritiker denken Schule und Bildung vom Ende her (was soll am Ende ‘rauskommen zu welchem Zwecke), doch wissen nicht welche Möglichkeiten, Grenzen und Umstände schlichtweg existieren. Dann wandern die Blicke ganz schnell in die skandivischen Länder – natürlich diskriminieren diese Länder , natürlich existiert auch dort Bildungsungleichheit – das ist in dem Falle aber egal.
Man braucht auch gar nicht so in der Ferne zu suchen; auch hier in Deutschland gibt es tolle pädagogische Modelle, die es geschafft haben in die Institution Schule implementiert zu werden: Waldorf, Montessori und andere Reform- und Modellschulen (Stichwort Schullabor Bielefeld…) . Dort wird größtenteils auf Noten verzichtet. Übrigens hat Hessen vor kurzem beschlossen, dass Schulen auf Noten verzichten können. Das löst aber nicht alle Probleme unseres Bildungssystems und führt nicht zur Bildung. Schule kann nie Bildung sein – m.E. aufgrund ihrer aus der Geschichte erwachsenden gesellschaftlichen Funktionen. Dabei ist Bildung ein individueller Akt, die LehrerInnen unterstützen können – und wir haben echt gute LehrerInnen an Schulen, die trotz der bildungshinderlichen Umstände der Institution Schule tolles schaffen. Ich würde für flächendeckende Alternative Schulen, Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems plädieren und vor allem die pädagogische Ausrichtung und pädagogische Besetzung der bildungspolitischen Ämter wünschen.
Danke für die Denkanstöße.
Ja, ich denke, dass wir uns in den meisten Punkten einig sind. Wobei ich hier weder Masterplans für eine Bildungsreform anbieten wollte, noch der Meinung war, durch die Abschaffung der Noten und des dreigliedrigen Schulsystems seien ALLE Bildungsprobleme gelöst. Trotzdem muss man sich die Frage stellen, wie wir Bildung für die Zukunft denken wollen. Dass wir an Grenzen stoßen und diese nicht mit einfachen Mittel bewältigen können, sollte nicht als Entlastungsargument gelten, sondern als Herausforderung gesehen werden. Mich interessierten diese Punkte (Noten und Schulformen), weil sie natürlich später für den Arbeitsmarkt am interessantesten sind. Am Ende stehen Noten in Zeugnisse und mit Zeugnissen bewirbt man sich. Die Bewerbung ist für die meisten Arbeitgeber die einzige Referenz, die am Ende zählt. Die Probleme, die damit einhergehen, sind offenkundig. Danke für dein Feedback.