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Falsche Selbstbilder
Carol Dweck ist eine der bekanntesten Entwicklungspsychologinnen. Über Jahre hat sie sich mit dem Thema beschäftigt, wie Selbstbilder bei Kindern entstehen. Eigentlich wollte die Professorin aus Standford nur herausfinden, warum einige Kinder Schulaufgaben eher aus dem Weg gehen, während andere sie als Herausforderungen betrachten.
In einer groß angelegten Versuchsreihe teilte sie Klassen in zwei Gruppen ein und stellte ihnen einfache Matheaufgaben vor. Der einzige Unterschied zwischen den Gruppen bestand darin, dass die Forscher Gruppe A dafür lobten, ein natürliches „Talent“ oder „Intelligenz“ für Mathe zu haben, wenn sie ihre Aufgaben lösten, während sie Gruppe B dafür lobten, dass sie „hart gearbeitet“ und ihre Aufgaben durch „Fleiß“ gemeistert hätten.
In der zweiten Versuchsphase gab man den beiden Gruppen kniffligere Matheaufgaben. Dabei zeigte sich ein erstaunliches Muster.
Die Teilnehmer in Gruppe A, die man für ihr Talent gelobt hatte, machten die Aufgaben entweder gar nicht oder sie gaben relativ schnell auf. Die Schüler in Gruppe B hingegen, die man für ihren Fleiß gelobt hatte, sahen das Schwierige eher als eine Herausforderung und lösten alle Aufgaben.
Die Idee dahinter ist simpel: Talent ist ein statischer Zustand, also unveränderlich. Man hat Talent oder nicht. Harte Arbeit dagegen ist ein dynamischer Zustand, also veränderbar. Es bedeutet, dass man zu etwas werden kann, auch wenn man es noch nicht ist.
Lobte man die Kinder so, dass sie dynamische Selbstbilder entwickelten, betrachteten sie die Welt als veränderbar. Sie wussten, dass sie lediglich genug lernen müssen, um die Aufgaben zu schaffen. Kinder mit einem statischen Selbstbild führen ihre Unzulänglichkeit auf ihre Talentlosigkeit zurück:
„Ich bin halt kein Mathe-Typ.“
Noten funktionieren, wie Dweck hervorhebt, wie statische Selbstbilder. Sie sagen nicht, deine Fünf könnte bald zu einer Eins werden, sondern: Du bist eine Fünf! Und wenn das Kind am Ende des Schuljahres sitzenbleibt, bekommt es von der Schule noch mal klar zum Ausdruck gebracht, dass es eine Fünf ist.
Die unverrückbare Zahl formt das Selbstbild der Kinder und schädigt ihre persönliche Entwicklung, eben das, was Humboldt eigentlich für echte Bildung hielt.
Anders denken
In Finnland hat man unlängst angefangen umzudenken. Bis zur siebten Klasse werden dort keine Noten vergeben und wenn doch, sind sie nicht ausschlaggebend.
„Die Vergabe von Noten erfolgt nicht nur auf der Basis von Prüfungen. Sie sind nur Teil des Lernens, nicht ihr Mittelpunkt. Kompetenz drückt sich auch in der Verwirklichung von Projekten oder in mündlichen Präsentationen aus. Geht eine Prüfung daneben, kann sie wiederholt werden, und die Dinge können in der Zwischenzeit durch Lernen aufgeholt werden“, erklärt Anneli Rautiainen, Leiterin des Referats für Grundschulunterricht.
So bekommen in Finnland Noten und Zeugnisse viel weniger Macht für den weiteren Bildungsweg. In Zukunft will man in Finnland zudem immer weniger in einzelnen Fächern unterrichten, sondern stattdessen im sogenannten Phänomen-Unterricht. Das beste Beispiel dafür ist der Klimawandel. Er ist sowohl ein ökologisches, als auch ein politisches, ökonomisches und geographisches Phänomen. Kurzum: Es ist fächerübergreifend.
Was Carol Dweck zu Noten sagt, trifft übrigens noch mehr auf Schulformen zu. In Deutschland kocht jedes Bundesland seine eigene Schulform-Suppe. Die einen haben Hauptschulen, die anderen die Mittelschule. Mal ist das System zweigliedrig, mal dreigliedrig. Doch worauf alle Wert legen, ist die fanatische Dominanz der Gymnasien, für die es keinen rationalen Grund gibt.
In meiner Heimatstadt Köln drücken wir Kindern nach der vierten Klasse den Stempel auf die Stirn: Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Gymnasium. Damit formen wir die Selbstbilder von Zehnjährigen auf gefährliche Weise: Der dumme Hauptschüler, der kluge Gymnasiast. Die Gliederung in diese Schulformen hat lernpsychologisch überhaupt keinen Sinn, höchstens einen negativen Effekt, und sollte grundsätzlich abgeschafft werden. Auch hier ist Finnland mit seiner Einheitsschule ein Vorreiter.
Bildung Zukunft
Was die Zukunft betrifft, hat die Digitalisierung am deutlichsten gezeigt, warum der Lernprozess wichtiger ist als die feste Note. Führende Bildungsunternehmen wie Khan Academy vermitteln in Lernvideos spielerisch Mathematik, Geschichte oder Wirtschaft.
Dabei können sich nicht nur Kinder innerhalb kürzester Zeit in einem selbstbestimmten Tempo immenses Wissen antrainieren, sondern auch Erwachsene.
Apps wie Babbel haben Sprachenlernen revolutioniert. In einem intelligenten Wechsel zwischen dem Sehen von Bildern, dem Hören von Gesprochenem und dem Trainieren von Schreiben kann man Französisch innerhalb von wenigen Monaten erlernen.
All diese Programme setzen auf den Lernprozess. Wenn Zahlen verwendet werden, dann nur um die eigene Entwicklungsstufe einzuschätzen und zu verändern, nie als endgültiges Zeugnis. Und genau darum sollte es auch in Schulen gehen und nicht um Noten. Denn das ist Bildung.
7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Ich stimme jedem Deiner Worte zu, aber die Erkenntnis ist ja nicht neu. Ich frage mich, was kann man tun, damit sich tatsächlich etwas ändert. Meine beiden Kinder haben das Gymnasium nach der 11. Klasse beendet, nicht aus Überforderung sondern schlicht aus der Erkenntnis heraus, dass dies nicht der Weg sein kann. Sie waren nicht länger bereit, sich diesem Bewertungssystem zu unterwerfen. Allerdings wird es für Beide mit dieser Entscheidung nicht unbedingt leichter, denn dieses Papier, auf dem mit Zahlen festgeschrieben steht, wie hoch der Marktwert ist, hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Sie werden ihn finden, ihren Weg, ganz sicher, weil sie über Kompetenzen verfügen, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt aber leider kenne ich auf viele, die daran zerbrochen sind. Rückblickend wünschte ich, ich hätte genug Mum gehabt und ihnen dieses Schulsystem erspart, wenn nötig auch durch Auswanderung. Aber so ist das mit den Rückblicken und was man hätte ändern können. Aber den Zukünftigen, denen wünsche ich, dass sie Lernen als das empfinden dürfen, was es eigentich auch ist, ein großes Abenteuer.
Vielen Dank
Hey Christina. Ursprünglich wollte ichauf diesen Punkt von dir auch mehr eingehen, dann wurde der Artikel aber zu lang. Denn die Macht der Noten und Zeugnissen ist in Deutschland gewaltig und wird gern als “Kompetenzbeweis” betrachtet. Der Arbeitsmarkt erwartet diese Dokumente und das gibt dem Bildungssystem auch soviel Macht. Der einzige Weg, meines Erachtens, besteht darin, dass Bildungssystem komplett neu zu überdenken und uns zu fragen, wie können wir ein Bildungssystem aufbauen, das nicht Kinder nach Noten abstempelt und damit so tut, als würde es ihren “Wert” auf dem Arbeitsmarkt lizenzieren. Lieben Dank für deine Gedanken.
Ich bin Lehrerin an der “höchsten” schulischen Bildungseinrichtung, dem Gymnasium, und kotze jeden Tag. Klassismus ist der Begriff und das Phänomen, das alles zusammenfasst, was du geschrieben hast. Das dreigliedrige Schulsystem und die Noten der lebende Beweis, das manifestierte, umgesetzte Prinzip des Leistungsdrucks, der Diskriminierung und der Standardisierung. Zeit ist Geld. Individualität und Kreativität braucht keine Volkswirtschaft und was soll diese naive Vision von “Wir sind alle gleichwertig.”? Alles unökonomischer BS!
Es macht Menschen kaputt. Und dabei steht in der bayerischen Verfassung z.B. dass mit Bildung nicht die pure Vermittlung von starren Wissensbeständen gemeint ist, sondern die Herzens- und Charakterbildung. Also, let’s do it! Macht man das als LehrerIn stößt man sehr schnell auf bürokratischen und autoritären Widerstand. Denn das Schulsystem als solches ist gerade zu absolutistisch aufgebaut. Geradezu faschistoid. Und steht dem eigentlichen Bildungskonzept nach Humboldt diametral entgegen.
Nicht Bildung, denn der Begriff ist passend, nein, das System Schule gehört von Grund auf neu gedacht und umgesetzt. Das was jetzt ist, bildet nicht. Es zerkrümmelt, zerbröselt, zermürbt, zerstört, das was jedes Individuum stark, schön und einzigartig macht. Was auch immer es für jeden Einzelnen und jede Einzelne sein mag.
Danke für deinen Beitrag!
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen 🙂 Danke!
Made my day!:)
Selektionsfunktion, Legitimationsfunktion und Qualifikationsfunktion. Das sind die Funktionen der Institution Schule nach Fend. Noten dienen der Selektionsfunktion – das weiß jeder Pädagoge; es ist kein Geheimnis; würde man eine Umfrage unter LehrerInnen machen, würden wohl die meisten “Leistungsbewertung” als die unbeliebteste und unangenehmste Aufgabe nennen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft kann aber ohne Selektion nicht existieren; sie muss irgendwie “Ungebildete” , “Mittelgebildete” und “Gebildete” schaffen. Man muss Schule in erster Linie als Institution betrachten und dann kommt man ganz schnell zu ihren Grenzen, wenn es um die Möglichkeiten der Bildung geht. Schulen werden in ihren Unterrichtsinhalten und -methoden oft kritisiert; von allen Seiten: der Industrie, Wirtschaft allen voran, der Dichter und Denker… . Doch man hat meist nur die eine Perspektive (meist noch die des Schülers; nicht dass sie unwichtig wäre) und kann die pädagogische Perspektive nicht wirklich einnehmen. All die Kritiker denken Schule und Bildung vom Ende her (was soll am Ende ‘rauskommen zu welchem Zwecke), doch wissen nicht welche Möglichkeiten, Grenzen und Umstände schlichtweg existieren. Dann wandern die Blicke ganz schnell in die skandivischen Länder – natürlich diskriminieren diese Länder , natürlich existiert auch dort Bildungsungleichheit – das ist in dem Falle aber egal.
Man braucht auch gar nicht so in der Ferne zu suchen; auch hier in Deutschland gibt es tolle pädagogische Modelle, die es geschafft haben in die Institution Schule implementiert zu werden: Waldorf, Montessori und andere Reform- und Modellschulen (Stichwort Schullabor Bielefeld…) . Dort wird größtenteils auf Noten verzichtet. Übrigens hat Hessen vor kurzem beschlossen, dass Schulen auf Noten verzichten können. Das löst aber nicht alle Probleme unseres Bildungssystems und führt nicht zur Bildung. Schule kann nie Bildung sein – m.E. aufgrund ihrer aus der Geschichte erwachsenden gesellschaftlichen Funktionen. Dabei ist Bildung ein individueller Akt, die LehrerInnen unterstützen können – und wir haben echt gute LehrerInnen an Schulen, die trotz der bildungshinderlichen Umstände der Institution Schule tolles schaffen. Ich würde für flächendeckende Alternative Schulen, Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems plädieren und vor allem die pädagogische Ausrichtung und pädagogische Besetzung der bildungspolitischen Ämter wünschen.
Danke für die Denkanstöße.
Ja, ich denke, dass wir uns in den meisten Punkten einig sind. Wobei ich hier weder Masterplans für eine Bildungsreform anbieten wollte, noch der Meinung war, durch die Abschaffung der Noten und des dreigliedrigen Schulsystems seien ALLE Bildungsprobleme gelöst. Trotzdem muss man sich die Frage stellen, wie wir Bildung für die Zukunft denken wollen. Dass wir an Grenzen stoßen und diese nicht mit einfachen Mittel bewältigen können, sollte nicht als Entlastungsargument gelten, sondern als Herausforderung gesehen werden. Mich interessierten diese Punkte (Noten und Schulformen), weil sie natürlich später für den Arbeitsmarkt am interessantesten sind. Am Ende stehen Noten in Zeugnisse und mit Zeugnissen bewirbt man sich. Die Bewerbung ist für die meisten Arbeitgeber die einzige Referenz, die am Ende zählt. Die Probleme, die damit einhergehen, sind offenkundig. Danke für dein Feedback.